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Pressestimmen
Die
Produktion wurde in der Fachzeitschrift Die Opernwelt sechs Mal als
"Wiederentdeckung des Jahres 2005" genannt.
Barockes Juwel Eine mitreißende
Scarlatti-Ausgrabung Kaum 290 Jahre nach der
Uraufführung gabs zur Eröffnung der Schwetzinger Festspiele Alessandro
Scarlattis Oper "Telemaco" als deutsche Erstaufführung. Dieser Alessandro Scarlatti
(1660-1735) instrumentierte mit überbordender Fantasie. In seiner Oper
"Telemaco" ist jede Arie ein Juwel! ... Der Dirigent Thomas Hengelbrock hat die Oper ausgegraben und eine
eigene Fassung erstellt. Er entfesselte eine Musik, dass einem vor Aufregung der
Atem stockte. Schnelle Tempi, differenzierte Dynamik, dramatische Impulse,
elegische Momente: Sein Balthasar-Neumann-Ensemble spielte das Publikum
schwindelig. Kräftig packte Hengelbrock zu, arbeitete die raffinierten
Klangschattierungen Scarlattis heraus, ermöglichte seinem exquisiten
Sängerensemble zu glänzen. Star des Abends war die junge österreichische
Mezzosopranistin Elisabeth Kulman als Erifile: Sie führte ihre warm und weich
timbrierte Stimme geschmeidig durch alle Lagen. Zudem ist sie absolut stilsicher
im Barockgesang und eine bemerkenswert gute Schauspielerin. Ihr Telemaco, der
amerikanische Tenor Corby Welch, war nach Anfangsschwierigkeiten ein kerniger
Held mit schmiegsamer Stimme, sicher in den Höhen. Als Kalypso glänzte die
gebürtige Passauerin Johanna Stojkovic mit halsbrecherischen
Koloraturen. Für die Inszenierung zeichnete Lukas Hemleb verantwortlich.
Er beschränkte sich im ersten Teil darauf, die hochästhetische, an barocke
Techniken - mit transparenten Hänge-Prospekten (Meeresbrandung, Höhlenschlund,
Wald) - sich orientierenden Bühnenbilder Jane Joyets dekorativ mit den
Protagonisten zu schmücken. Nach der Pause setzte er stärker aufs psychologische
Spiel. Das klappte vorzüglich, und das von Scarlatti hingerissene Publikum
zeigte sich im Rokokotheater begeistert. Thomas
Rothkegel - HEIDENHEIMER ZEITUNG - 2. Mai 2005

Der Regisseur hat eine der stärksten Passagen des "Telemaco"
direkt vor die Pause gesetzt und damit den Dreiakter (1718, Libretto: Capece)
plausibel zum Zweiakter umgemodelt. Überhaupt: Es ist eine größtenteils
prickelnde Produktion, die Schwetzingen bietet: Dank Scarlattis immer wieder
frappanter Musik, Dank ihrer Interpretation durch Thomas Hengelbrock, das
Balthasar-Neumann-Ensemble und die Sänger, Dank einer klugen Dramaturgie, die
zwischen ernsthafter Heroik und spaßiger Komik changiert, schließlich Dank einer
präzisen Personenführung, die die Liebesgeometrie des Werks konsequent und klar,
mitunter - zugegeben - auch ein wenig plakativ nachzeichnet. Elisabeth Kulmans
Antiope (Erifile) etwa. Sie hält die Balance zwischen strahlender Klarheit und
nachdrücklicher Expressivität in allen Registern auf höchster Kultur (wunderbar
die c-Moll-Arie "Lasciami piangere"). Die beiden Altstimmen, Mariselle Martinez
(Adrasto) und Gunther Schmid (Sicoreo), beeindrucken mit einer ungeheuer
perfekten und virtuosen Koloraturtechnik. Johanna Stojkovics Calipso klingt in
der unteren und mittleren Tessitura kräftig und schön. In der Höhe neigt ihre
Stimme zu leichter Schärfe. Corby Welch (Telemaco) und Kresimir Spicer (Mentore,
Nettuno, Geist) sind hervorragende Sänger mit messerscharfen
Non-legato-Koloraturen. Ihr Stimmmaterial selbst klingt dabei vielleicht etwas
matt. Der Thrill ist da. Dramaturgisch. Musikalisch. Was für eine Neuentdeckung
für die Opernbühne! S.M. Dettlinger - MANNHEIMER MORGEN - 2. Mai 2005

...
Denn das Wesentliche in der
Eröffnungspremiere der Schwetzinger Festspiele war die Musik. Thomas Hengelbrock
hat die Quellen von Scarlattis "Telemaco" durchforstet, hat das Stück neu
herausgegeben und steht außerdem im Rokokotheater als Dirigent vor seinem
Balthasar-Neumann-Ensemble. Liebevoll bemüht er sich um die Details, die
Scarlattis Partitur so lebendig und so theatralisch wirken lassen:
klangfarbliche Schattierungen und feine, schmiegsame, spieltechnisch oft
artistisch umgesetzte instrumentale Motive, die den Text begleiten und
deuten. Die Musik des "Telemaco" ist durch und durch dramatisch, und sie
ist durch und durch emotional. Alessandro Scarlatti, Lehrer Händels, Komponist
von weit mehr als einhundert Opern und trotzdem (oder gerade deshalb?) ein
notorisch unterschätzter Komponist, wäre eine breitere Renaissance wirklich
wert. Das machen auch die Sänger hörbar, unter denen sich exzellente
befinden: die ganz eben, kraftvoll und intensiv singende Elisabeth Kulman
(Erifile) zum Beispiel, die ihr Singen oft bis in Bereiche des kaum mehr
Hörbaren hineinführt, dann Mariselle Martinez, die in der Hosenrolle des Adrasto
aus einer vollen Tiefe schöpfen kann und dabei noch wunderschön klare
Koloraturen produziert; sogar Johanna Stojkovic singt die Calipso trotz
reklamierter Indisposition auf beachtlichem Niveau. Susanne Benda - STUTTGARTER NACHRICHTEN - 2. Mai 2005

Scarlattis Musik sprengt keine Schablonen, sondern erfüllt sie - das
allerdings mit äußerster Genialität, Nuancenreichtum und seelenzeichnender
Finesse. Wenn aber Scarlatti den Rahmen überschreitet, etwa im Quartett des
dritten Akts, öffnen sich erstaunliche Perspektiven bis zu den
Handlungsensembles Mozarts. ... Dass die Eifersuchtsnacht der langen Messer - die Klingen liegen an den
Kehlen der Konkurrenten - ins Komische kippt, ist ein Symptom: Am besten
gelingen Hemleb die Parts der Komiker Silvina und Tersites mit dem
neapolitanischen Witz ihrer Duette (Netta Or und Andreas Winkler - beide
sängerisch gut, aber darstellerisch besser). Sie gestikulieren aus der Wahrheit
der Gefühle jene des Sexus heraus, dürfen gar das Opferritual auf dem
Eisenschragen aus irgendeiner Sterbeklinik als Rotwein-Aufguss parodieren, und
wenn Tersites nach der sehr körperlichen Seelenmassage Silvinas als "Rovinato"
abtänzelt, geht Commedia in beste Comedy über. Aber es spielt
nicht die Inszenierung, sondern die Musik die erste Schwetzinger Geige - und das
mit glänzender Bravour. Thomas Hengelbrock bleibt mit seinem
Balthasar-Neumann-Ensemble Scarlattis Feuer keinen Funken schuldig. Mit größtem
Elan und schönster Eleganz, mit unendlicher Sensibilität im Elegischen und
dramatischer Verve im Heroischen werden alle Facetten der genialen Komposition
ausgeleuchtet. Solchem Idealschnitt von federnder Transparenz, luminoser
Klangfülle und sehniger Kraft tun einige wenige Fehleinsätze und Disintonationen
nicht den geringsten Abbruch: Die dreieinhalbstündige (und immer noch stark
gekürzte) Aufführung geht gerade nicht als Monoton-Lauf, sondern als vor
Spannung pulsierendes Affekt-Jogging über die Gehörbühne. Koloraturenglanz im Glitzergewand Und dazu wird oftmals brillant gesungen; am brillantesten von Elisabeth
Kulman, deren superb beweglicher und farbintensiver Mezzo einer zu tiefem
Ausdruck fähigen Antiope gebührendes Stimmrecht verleiht, aber auch von Johanna
Stojkovic als Koloraturakrobatin Calipso im schwarzen Glitzerkostüm, die nur in
höchster Lage die Strahlkraft ihres Herrscherinnenorgans etwas forciert. Dagegen
kommen Gunther Schmids Sicoreo und sein gut geführter, aber klangblasser Altus
nicht an, wohl aber die satte Tiefe, klare Höhe und expressive Linie der
Mezzosopranistin Mariselle Martinez in der Hosenrolle des Adrasto. Kresimir
Spicer, der krankheitshalber an den Endproben nicht teilnehmen konnte,
verrutschen einige Koloraturen und ein Schlusston, dennoch gelingt ihm ein
markant markiges Porträt der eminent schweren Rolle des Mentore. Corby Welch
singt den bärtigen Seebären Telemaco mit geschmeidigem Tenor, wobei ihm schon
einzelne Kontur- und Intonationstrübungen unterlaufen. Insgesamt aber
ist die Aufführung ein großartiges musikalisches Plädoyer für den alten
Scarlatti, der nicht weniger neue Aufmerksamkeit verdiente als Händel oder
Vivaldi. Martin
Mezger - ESSLINGER ZEITUNG - 1. Mai 2005

Barocker Opernthriller Zu berichten ist über eine restlos begeisternde Entdeckung: Alessandro
Scarlattis "Telemaco". Die deutsche Erstaufführung dieses authentischen
Gipfelwerks der Gattung Barockoper gab – 287 Jahre nach dessen Entstehung – den
Auftakt zu den Schwetzinger Festspielen. Mit ihrer Stückwahl haben die
künstlerisch Verantwortlichen des Festivals diesmal eine äußerst glückliche Hand
bei ihrer Repertoire-Wahl gezeigt. ... Das Wichtige freilich ist die Musik, die im Zeichen von Inspiration und
erhabenem Pathos von antiker Größe steht und eindeutig die Handschrift des
Bühnenkomponisten im großen Stil offenbart. Sie zieht den Zuhörer unmittelbar in
ihren Bann durch die dramatische Verve der Komposition, ihre lapidare Diktion,
ihren beglückenden Melodienreichtum und ihre harmonischen Feinheiten, die
Vielfalt der Charaktere in den exquisiten da capo-Arien und nicht zuletzt durch
die Farbenpracht des außerordentlich kunstvoll konzipierten, dichten,
kontrapunktisch durchstrukturierten Orchestersatzes. An einige großartige Höhepunkte sei ausdrücklich erinnert. Gemeint sind
zunächst der stockende, beklommene Gesang der über die Verwüstung durch den vom
Meeresgott Poseidon entfachten Sturm entrüsteten Kalypso in gleichsam
stammelndem staccato im ersten Bild und die spannungsgeladene, klanglich
überwältigende Geisterszene, in der sie den Schatten des Atlas, ihres Vaters,
beschwört. Das sind frühe Sternstunden der dramatischen Musik. Den Gegenpol
bilden die geradezu vorimpressionistische Klangmalerei, die das idyllische Bild
wieder friedlicher Natur nach dem Sturm beschwört, und die bewegende Lyrik der
Arie Lasciami piangere (lass mich weinen) der Antiope (die in der
Oper inkognito als Sklavin Erifile Kalypso dient). Dabei handelt es sich um ein
Parallelstück zu Lascia ch’io pianga aus Händels Rinaldo.
Schließlich darf das c-Moll-Quartett gegen Ende der Oper – ein Stück, das auch
Händel und Gluck, sogar Mozart zur Ehre gereicht hätte – als Vorahnung des
Idomeneo-Quartetts angesehen werden. Bei Thomas Hengelbrock und seinem Balthasar-Neumann-Ensemble war Scarlattis
meisterliche Partitur in hoch kompetenten Händen. Gespielt wurde stets akzent-
und kontrastfreudig, mit hinreißend vitalem Drive und affektgeladenem Impuls.
Zudem profilierten sich Dirigent und Orchester auch diesmal als Barock-Stilisten
von hohen Graden, mit überaus sensiblem Gespür für Feinheiten der Artikulation
und Farbgebung. Lukas Hemleb inszenierte im Wesentlichen am Text entlang – wobei vorsichtige
Annäherungen an moderne Regietendenzen das Liebes- und Ränkespiel mythologischer
Götter, Helden und Herrscher und den pathetischen Gestus der Vorlage in
verspielter Attitüde mit Anführungs- und Fragezeichen versahen. Deftigkeiten
freilich versagte sich seine an sich gezielte, stilisierte, Ausdrucksgestik und
Körpersprache fordernde Personenführung keineswegs, und unfreiwillige
Situationskomik konnte mitunter auch nicht vermieden werden. Mit optisch
reizvollen Spiegel- und Lichteffekten, dem Spiel sich unentwegt bewegender,
Meerespanoramen, antikisierende Architekturfragmente, Küsten- und
Waldlandschaften darstellender Leinwände huldigte Jane Joyets Bühnenbild dem
barocken Märchen- und Maschinentheater und vermochte dabei auch ästhetische
Akzente zu setzen. Aus dem durchweg kultivierten, im barocken Ziergesang sehr versierten
Ensemble ragten die höchst einfühlsam gestaltende, mit kostbarem Timbre singende
Elisabeth Kulman und die stimmgewaltige Mariselle Martinez mit ihrem herrlichen
Mezzo heraus. Johanna Stojkovic, einer Virtuosin des Koloraturgesangs von
dramatischer Präsenz, kostete das Spitzenregister hörbar Anstrengung und einige
schrille Töne; und der Tenor des an sich sehr soliden Titeldarstellers Corby
Welch klang immer wieder kehlig und zu offen. Ansprechende Leistungen von
Kresimir Spicer, dem Altus Gunther Schmid und dem sängerisch und darstellerisch
gewandten Buffo-Paar, Netta Or und Andreas Winkler. Zuverlässig Sylvia Hamvasi. Gábor
Halász - KLASSIK-HEUTE.DE - 23. Mai 2005

Erotischer Reigen, sadomasochistisch
zugespitzt Thomas Hengelbrock dirigiert Alessandro Scarlattis
Barockoper "Telemaco" zum Auftakt der Schwetzinger Festspiele Unwetter haben Tradition in der
vierhundertjährigen Geschichte der abendländischen Oper. Nicht selten entladen
sie sich musikalisch gleich in der Ouvertüre und entpuppen sich danach nicht nur
als tobende Naturgewalten, sondern zugleich als aufgewühlt-aufwühlende
Seelenzustände. Auch Alessandro Scarlattis dreiaktiges Melodramma "Telemaco"
hebt mit einem Seesturm an, der eine solche Doppelfunktion erfüllt. Thomas
Hengelbrock, der jetzt zum Auftakt der Schwetzinger Festspiele im dortigen
Rokokotheater die deutsche Erstaufführungsserie der vor 288 Jahren komponierten
Oper dirigierte, entfesselte die aufbrausenden Energien dieses Orkans zunächst
im Orchestergraben. Mit Elan stürzt sich das "historisch" musizierende
Balthasar-Neumann-Ensemble in die pralle, hochbarocke Klangpracht der
eröffnenden Sinfonia, die auch heute noch taufrisch anmutet, wenn sie so packend
und quirlig vital präsentiert wird. Auf der von Jane Joyet ausgestatteten
Bühne stellt sich dann alsbald heraus, warum uns hier ein so heftiger Wind ins
Gesicht bläst. Neptun persönlich hat ihn entfacht. Stinksauer steigt er aus den
Meeresfluten, schwingt drohend seinen Dreizack und schimpft bassmächtig auf die
Götter, die Odysseus den Sieg über Troja geschenkt haben. Wenn er dem schon
nichts anhaben kann, möchte er wenigstens dessen Sohn Telemaco drankriegen.
Kresimir Spicer, der später noch als schauriger Geist und als väterlicher Mentor
Telemacos auftritt, zelebriert all das mit satter, virtuos beweglicher Stimme.
Tatsächlich setzt der Sturm dem Titelhelden übel zu. Auch die vom Himmel
schwebende Minerva (Sylvia Hamvasi) kann Neptun nicht
besänftigen. Telemaco (Corby Welch mit souverän präsentem,
koloraturensicherem Bariton) erleidet Schiffbruch und wird an den Strand von
Calipsos Zauberinsel geworfen, wo er sich in deren Sklavin Erifile
(feurig-lasziv: Elisabeth Kulman) verliebt. Doch auch Calipso (Johanna Stojkovic
als hysterisch-gespreizte Femme fatale) möchte dem Fremdling an die Wäsche
(Kostüme: Julie Scobeltzine). Dass Fürst Adrasto (Mariselle Martinez mit
machtvollem Alt) hinter Calipso her ist und deren Bruder Sicoreo (Gunther
Schmid, ein brillanter Countertenor, dem jedoch Volumen und Attacke fehlen) auf
Erifile steht, macht die Sache nicht einfacher, zumal es noch eine derbe
Nebenhandlung gibt, in der die dralle Dienerin Silvina (Netta Or mit frechen
Lockenzöpfchen) ihren feuchtfröhlichen Liebhaber Tersite (köstlich chargierend:
Andreas Winkler) zappeln lässt. Lukas Hemleb hat die verwickelte
Geschichte subtil als erotischen Reigen inszeniert, der sich sadomasochistisch
zuspitzt, bis Telemaco in einer düsteren Opferszene gemeuchelt werden soll.
Xavier Barons Lichtregie führt hier ein bedrohliches Höllenlabor vor Augen, das
freilich vorweg von einem deftigen Duett des Dienerpaars zu neckischen
Fesselungsspielchen auf einem Operationstisch bereits parodiert
wird. Scarlatti hat diese barocke Version von "Sex and the City" in
berauschende klangliche Wechselbäder der Gefühle getaucht. Am Ende erpressen
sich zwei verschmähte Liebende gegenseitig, indem sie ihren Opfern das Messer an
die Kehle setzen, und die Musik lässt dazu in einem ergreifenden Quartett die
Zeit stillstehen - eine grandiose Steigerung nach einer mehr als dreistündigen
Abfolge von Arien, Rezitativen und packenden Accompagnati, die wie im Fluge
vergeht, wenn so beseelt, farbreich und mitreißend musiziert wird wie in
Schwetzingen. Immer wieder staunt man über Scarlattis Palette an
Ausdrucksmöglichkeiten und Formen. Erifiles Arie "Lascia mi piangere" ist als
erschütterndes Lamento ein Hit, von dem Händel nicht wenig profitert hat. Und
lange vor Mozart und Rossini bezaubert da bereits ein Buffa-Plapperton, der die
tragisch-überdrehte, narzisstische Selbstbespiegelung der adligen Protagonisten
wirkungsvoll konterkariert. So sollte nicht verwundern, wenn "Telemaco" nach
dieser fulminanten Koproduktion mit der Deutschen Oper am Rhein den Weg auch auf
andere Bühnen findet. Werner
Müller-Grimmel - STUTTGARTER ZEITUNG - 2. Mai 2005

...
Scarlatti hat dazu eine großartige, lebendige Musik geschrieben, bei der
eine Art Instrumentalisierung der Gesangslinien, eine erstaunliche Tiefe der
Empfindung bei Verzicht auf allzu viel Verzierungen auffallen, auch die
Vielgestaltigkeit der Rezitative. Hengelbrock und sein Orchester mit
Originalinstrumenten sind brillante Interpreten, zupackend oder sanft, belebend
frisch und intensiv zugleich. Entsprechend lebendig, auch differenziert wurde
gesungen. Das gilt besonders für die Damen, voran Elisabeth Kulman (Erifile) mit
weichem, wunderschönem Timbre, aber auch Johanna Stojkovic, eine «minoische»
Calipso mit reicher Affektdarstellung, Mariselle Martinez (Mezzo) als
nachdrücklich-fülliger Adrasto oder Netta Or (Silvina) als kecke Partnerin des
nicht weniger beweglichen Tersite, der eine bravouröse Tango-Parodie hinlegte.
Ausdrucksvoll der Telemaco von Corby Welch (Tenor), wenn auch bisweilen ungenau
intonierend. Dazu Kresimir Spicer rau und herzlich als Telemacos Mentor und
nicht allzu fürchterlicher Nettuno sowie der Altist Gunther Schmid als etwas
neutraler Sicoreo. Hinreißend dafür
das Bühnenbild von Jane Joyet mit seinen raffinierten Lichtspielen, den weiten
Ausblicken und den transparent oder bemalten beweglichen Prospekten, die
stimmungstiefe Szenen, ja Labyrinthe schufen. Zauberischer geht es kaum mehr.
Ein glänzender Festspiel-Auftakt. Viel Beifall. Rudolf Jöckle
- FRANKFURTER NEUE PRESSE - 3. Mai 2005

114 Opern hat Alessandro Scarlatti, der erfolgreichste Komponist
des Hochbarock, geschrieben. "Telemaco" war seine drittletzte und erlebte erst
jetzt bei der Eröffnung der Schwetzinger Festspiele ihre deutsche
Erstaufführung. Zur späten Geburt verhalfen dem Werk das glanzvoll aufspielende
Balthasar Neumann-Ensemble unter seinem wagemutigen Dirigenten Thomas
Hengelbrock und einige Starsolisten.
... Dafür aber war das Fest der Stimmen umso gigantischer, das "dramma per
musica", das sich wie fast jede italienische Oper mit griechischer Mythologie
und ihren "Affekten" befasst, einfach mitreißend, weil einen die Stimmen
mitrissen: Johanna Stojkovic als Calipso, fast eine Vorwegnahme der "Königin der
Nacht" mit ihren flüssigen Koloraturen und Trillern, Elisabeth Kulman als
Antiope mit klangsüßem, hochbeweglichen Mezzo, Mariselle Martinez als Adrasto,
deren expressiver Alt mit reizvollen Kontrasten und dramatisch aufgerauten
Rezitativen bestach. Einer jeden Figur schenkte der wunderbare, in der Tat viel zu selten
gespielte Scarlatti im "Telemaco" mindestens eine charakteristische, unglaublich
dynamische Arie. Es war ein Wunschkonzert der hochkarätigsten Art, zu dem
natürlich auch der Reigen der differenziert timbrierten Männerstimmen beitrug:
Corby Welch als Telemaco mit höhensicherem noblen Tenor, Countertenor Gunther
Schmid als von Antiope verschmähter Liebhaber in seiner Expressivität und
deklamatorischen Findigkeit bei den Rezitativen ebenso beeindruckend wie in
seinen melancholisch grundierten Gesängen, Kresimir Spicer als Telemac-Gefährte
Sicoreo, aber auch als Neptun, mit seinem heldischen getönten Bass alle
Fährnisse seiner hochkomplizierten rasanten Arien umschiffend. Andreas Winkler und Netta Or als das Dienerpaar Tersite und Silvina boten
dagegen mit ihren komischen Intermezzi souverän jene buffonesken Tönungen, die
sich dann auch in Mozart-Opern etablierten. Gabriele
Weingartner - WIESBADENER TAGBLATT - 2. Mai 2005

Trotz Sparauflagen haben die Schwetzinger Festspiele zum Auftakt den ersten Teil
ihrer Programmausrichtung begeisternd erfüllt. Als Ausgrabung präsentierten sie
in Zusammenarbeit mit der Düsseldorfer Rheinoper fast 300 Jahre nach der
erfolgreichen Uraufführung Alessandro Scarlattis Oper "Telemaco" einem
enthusiasmierten Publikum. ... Für das Schwetzinger Rokokotheater hat
Thomas Hengelbrock das Werk ausgegraben und herausgegeben. Er ist der Spiritus
rector der trotz kräftiger Striche rund dreieinviertelstündigen Aufführung. Am
Pult des auf historischen Instrumenten spielenden Balthasar-Neumann Ensembles
ist er Garant für ein sehr differenziertes Musizieren, das nie den Eindruck von
Langeweile aufkommen lässt. Seine Musiker, die in manchen Bläserpassagen den
raschen Tempi Hengelbrocks ebenso wie den Anforderungen Scarlattis Tribut zollen
müssen, sind ihm dabei temperamentvolle Helfer. Dass "Telemaco" musikalisch so
überzeugend gerät, liegt aber auch an der homogenen Sängerbesetzung. Johanna
Stojkovic gibt der verliebt-verletzten Calipso mit virtuosen Koloraturkaskaden
Kontur, stimmlich und gestalterisch weicher begeistert Elisabeth Kulman als
Antiope, während der Tenor Corby Welchs in der Titelpartie mehr durch
Ausdruckskraft denn Stimmschönheit überzeugt. Der Altist Gunther Schmid bestach
durch seine virtuosen Verziehrungen als Sicoreo, als Adrasto bewies Mariselle
Martinez Steigerungsvermögen. Von der angesagten Indisposition war bei dem
variablen Bass von Kresimir Spicer (Neptuno/Mentore/Geist) höchstens eine
leichte Rauheit zu spüren. Thomas
Weiss - PFORZHEIMER ZEITUNG - 2. Mai 2005

...
Telemaco liebt Erifile (Elisabeth Kulman). Ihr
überzeugter Mezzosopran beherrscht die Szene. Sie
ist eigentlich Antiope, die Telemach verschprochen wurde
und sich erst zum Schluss in eindrucksvollen
Arien zu erkennen
gibt. Gerlinde
Szelpal - SCHWETZINGER ZEITUNG - 2. Mai 2005

...
Selbstredend braucht man für solche Musik Spezialisten,
am Pult wie im Graben. Und mit Thomas Hengelbrock und
seinem Balthasar-Neumann-Ensemble hat man diese in Schwetzingen
schon längst gefunden. Es ist dem Engagement und der
Begeisterungsfähigkeit der Musiker zu danken, dass wir
die ganze Pracht, das ganze Ausdrucksspektrum zwischen
verzweifelter Liebe, hasserfüllter Rache und geradezu
unmenschlicher, weil von den Göttern erzwungener Glückseligkeit
fast schon körperlch nachvollziehen können. Auch das
Sängerensemble
der Schwetzinger Premiere überzeugte voll und ganz.
Mit Johanna Stojkovic (Calipso) und Elisabeth Kulman
(Erifile) stellten die Frauenstimmen sicherlich die
Spitzenkräfte, ohne
dass dabei Corby Welch in der Titelrolle, der Countertenor
Gunther Schmid (Sicoreo) und Kresimir Spicer als Mentore
vergessen werden dürften. Frank
Pommer - RHEINPFALZ - 2. Mai 2005

Brandneue
Barockmusik ... Das Regiekonzept von Lukas Hemleb
folgt Handlung und Musik mit kluger Dosierung: dementsprechend
sparsam, aber höchst wirkungsvoll hat Jane Joyet die
Bühne möbliert: Klare, geometrische Formen als Kontrast
zu Gefühlsdickicht und Mesalliancen. Eine flache Treppe
für die optische Raumaufteilung, eine nach hinten aufgefächerte
Bühne für die inhaltlichen Ebenen, und dazu szenenweise
ein Spiegel, der die Aura des Schwetzinger Rokokotheaters
in den Saal zurückwirft - wenige gezielte Handgriffe
reichen aus, um im Wechselspiel mit gekonnten Lichteffekten
(Xavier Baron) viel Atmosphäre zu schaffen; die Kostüme
(Julie Scolbeltzine) fügen sich nahtlos in dieses
Bild. Ebenso schnörkellos kanalisieren die Figuren
ihre Affekte in gezielten Blicken und Gesten; selbst
bewegungsarme Szenen entfalten einen ungeheure Dynamik:
Adrastos Wut darüber, von der angebeteten Calipso nicht
erhört zu werden, ballt sich in gefährlicher Spannung
zusammen, während Erifile matt und leer, fast weltentrückt
ihre Opferrolle erträgt - und gerade dadurch an Größe
und Glaubwürdigkeit gewinnt. Bei Telemaco und Mentore
dagegen liegt Moral und Schicksalsergebenheit in einer
ausgesprochen markanten Körpersprache. Dagegen gibt
sich ein Pärchen aus dem Volk völlig undomestiziert
seinen Lustgefühlen hin: Tersite mit der Albernheit
eines Teenagers, Silvina mit raffinierten Verführungskünsten
- ihre pralle Weiblichkeit dazu mit Schmollmund und
Korkenzieherlöckchen auf die Spitze getrieben. So
konturscharf wie die Inszenierung ist auch das Klangbild,
das Scarlattis Musik zu einem wahrhaft sinnlichen Erlebnis
macht: Corby Welch (Telemaco) und Kresimis Spicer (Mentore,
Nettuno) nutzen jede Note für puren und direkten Ausdruck,
und auch die Damen des Ensembles bestehen mit einer
außergewöhnlichen
Fülle an Farben: die dunkel getönte, balsamische Stimme
von Elisabeth Kulman
(Antiope/Erifile) gegen den stählernen, kraftvollen
Sopran von Johanna Stojkovic (Calipso); die fast
tenorale, höchst beeindruckende Tiefe, mit der Mariselle
Martinez (Adrasto) in menschliche Abgründe blicken lässt;
schließlich die helle und schlanke Höhe von Sylvia Hamvasi
(Minerva). Andreas Winkler (Tersite) und Netta Or
(Silvina) geben ein stimmlich angenehmes, vor allem
aber hinreißend komisches Paar, und Gunther Schmid zeigt
seinen Sicoreo glaubwürdig gefangen in Wut- und Eifersuchtsgefühlen. Dazu
geht Thomas Hengelbrock am Pult des Balthasar-Neumann-Ensembles
derart feinsinnig und ideenreich mit der Partitur um,
dass hier nicht nur Götterzorn, Hass und großes Leid
manifest wird - sondern vor allem auch bebende, unterschwellige
Spannungen, und dazu ein ausgesprochener Sinn für Humor
bei der Instrumentierung (Tersites Tanzeinlagen werden
von lateinamerikanisch anmutenden Gitarrenklängen begleitet):
Selten
verschmelzen Regie, Sänger und Orchester zu einer soch
perfekten Einheit. Christine
Geringer - SÜDKURIER - 2. Mai 2005

...
Regisseur ist Lukas Hemleb, der mit zupackender Personenregie
und barocker Theatermaschinerie manches Knallbonbon
zündet. ... Im Orchestergraben des Rokokotheaters, wo
Thomas Hengelbrock am Pult des Balthasar-Neumann-Ensembles
drei Stunden unablässig hochbarocken Wohlklang zaubert,
herrscht unterdessen beste Stimmung. Hörbar wird die
Harmonie vor allem bei Theorben und Gamben. Der ausladenden
Dramatik von Scarlattis Arien wird das Dirigat ebenso
gerecht wie den Melodien mit Volksliedcharakter, deren
Lieblichkeit er zum Zuschauergaudium als Latino-Pop-Variante
karikiert. Überhaupt ist diese Wiederentdeckung auch
zu einem Sängerfest
geworden: In der Titelpartie hat Corby Welchs geschmeidiger
Tenor zwar mit Konditionsproblemen zu kämpfen, doch
sein Widersacher Sicoreo ist im Counterfach mit Gunther
Schmid bestens besetzt. Glücklicherweise
besteht das Schwetzinger Rokokotheater aus Holz, denn
die tiefen Damen singen zum Steinerweichen schön. Mariselle
Martinez (Adrasto) und vor allem Elisabeth Kulman (Erifile)
sind die umjubelten Stars dieser gelungenen Erstaufführung,
die Hoffnungen auf eine berechtigte Scarlatti-Renaissance
macht. lan
- SAARBRÜCKER ZEITUNG - 2. Mai 2005

...
Ihre Gegenspielerin Antiope, alias Erifile, wird von
Elisabeth Kulman mit
klangvollem Mezzosopran und intensiver Leidensfähigkeit
ausdrucksvoll dargestellt. Nike
Lub - BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN - 2. Mai 2005

Die
Sopranistin Johanna Stojkovic gab der Rolle der Calipso
starkes
sängerisches Profil
mit sauberer Höhe und gestochen scharfen Koloraturen.
Ebenso Elisabeth
Kulman, die der Antiope/Erifile darüber hinaus noch
ein packendes Espressivo gab. Matthias
Roth - RHEIN-NECKAR-ZEITUNG - 2. Mai 2005
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