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Pressestimmen
Jubelchöre und Schmerzensrhetorik
Bachs Messe in h-Moll in der Aschaffenburger Muttergottespfarrkirche als Eckpfeiler des Bachfests
... Im Rahmen des Bachfestes wurde das Riesenwerk in der Muttergottespfarrkirche aufgeführt, Gerhard Jenemann hatte sich mit seinem Süddeutschen Kammerchor, dem Mai-Barockorchester Frankfurt und einem hervorragenden Solistenquartett daran gewagt.
Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, und der floss in der voll besetzten Kirche in Strömen; Temperatur und Luftfeuchtigkeit machten vor allem den tiefen Saiteninstrumenten Cello und Bass zu schaffen, doch selbst umgebungsbedingte Unsauberkeiten bezüglich der Stimmung fielen nicht ins Gewicht und konnten nicht verhindern, dass es zu einer großartigen Darbietung kam.
Joanne Lunn strahlte kühle Beherrschung aus, ihre reine und vibrationsarme Sopranstimme hat alles, was man für diese Messe braucht: Kraft, Modulationsfähigkeit und Klarheit. In gesanglicher Qualität stand ihr die österreichische Mezzosopranistin Elisabeth Kulman in nichts nach. Unglaublich wandlungsfähig gelangte sie mit ihrem leicht verschatteten Mezzo genauso in die Tiefen des
Alt, wie sie die Höhen meisterte. Etwas weniger zu tun hatten die Männerstimmen.
Der Tenor Jan Kobow glänzte im Benedictus im Verein mit der Soloflöte durch geschmeidige Tongebung, der voluminöse Bass von Michael Nagy bleibt besonders durch eine schöne Arie im Gloria im Gedächtnis, in der ein virtuos geblasenes Jagdhorn den Konterpart innehatte. Fünfter "Solist" im sängerischen Bunde war natürlich der hochdisziplinierte Chor, der schon lange von Gerhard Jenemann geleitet wird und der anstatt durch Masse durch Klasse
besticht. Er verfügt über eine beachtliche Männerriege, die sich mit den leichter durchdringenden Frauenstimmen zu einem ausgewogenen und stimmigen Gesamtklang vereinte.
Kyrie und Gloria stammen aus einer Kurzmesse des Jahres 1733. Mit einem großen Aufschrei im Tutti beginnt das Kyrie, die Fuge forderte von Orchester und Chor äußerste Präzision. Das anschließende Duett von Sopran und Mezzosopran wirkte weitaus weniger dramatisch, es war wie ein Wettbewerb der beiden Solistinnen um die schönste Stimme. Anfang und Ende des Gloria bilden zwei große Chorblöcke, in denen Bach mit barocker Wucht vom Ruhme Gottes singen
lässt, Pauken und Trompeten künden aber auch von Jubel und Lebenslust.
Dem Chor gelingen diese jubelnden Teile mit ihren großen Intervallsprüngen mitreißend. Chorsätze mit ähnlichem Charakter findet man noch im Auferstehungsjubel des Credo, der nach einer kurzen Generalpause erklingt, und im Sanctus, dem einzigen sechsstimmigen Chorsatz. Im Gegensatz dazu stehen die Teile, in denen barocke Schmerzensrhetorik auskomponiert ist, in denen das Leiden und die es begleitende Trauer ihren adäquaten Ton finden.
Gerhard Jenemann hat alles im Griff, seinem Dirigat merkt man an, dass er im Wesentlichen Chordirigent ist, der sich um Artikulation und Klanggestaltung kümmert. Das Main-Barockorchester Frankfurt ist ein versierter Begleiter, die Solisten, insbesondere Flöte, Oboe und Trompeten, spielen vorzüglich, nicht zu vergessen der stets zuverlässige Basso Continuo. Am Ende des fast "einfach" gehaltenen Altosolos und des ergreifenden Schlusschors benötigten die Zuhörer genauso wie Dirigent Jenemann einen Moment
der Besinnung, bis sich "barocker" Jubel Bahn brach.
Werner Ziegler - MAIN-ECHO ASCHAFFENBURG -
31. Juli 2006
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