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Pressestimmen
Schwindel
erregender Strudel und höchste Konzentration eit über 50 Jahren ist der Münchner Bach-Chor ein Garant
für exemplarische Interpretation, ein Laienchor mit einer sagenhaften
Leistungsfähigkeit. Und mit der Ikone eines Leiters, dessen
Interpretationen auch auf vielen Einspielungen verewigt sind: Karl
Richter. In den 60ern galt der Münchner Bach-Chor zusammen mit den
Berliner Philharmonikern als Botschafter deutscher Kultur und wurde vom
Auswärtigen Amt in die ganze Welt entsandt. Nach Karl Richter, der 1981
überraschend verstarb, hatte es jeder neue Leiter schwer. Jetzt aber
steht seit kurzem ein junger Dirigent dem Chor vor, auf den sich einige
Hoffnungen richten: Hansjörg Albrecht, Dirigent, Cembalist und Organist
– und sicher einer der wendigsten Musiker der jüngeren Generation. Wie sehr er auf die Programmkonzepte des Chores
einwirkt, sieht man schon jetzt. Vor allem aber durfte man den neuen
frischen Wind live erleben bei der Institution des Karfreitags-Konzerts
mit Bachs Matthäuspassion in der Münchner Philharmonie. Albrecht kommt von der Ästhetik der historischen Aufführungspraxis,
ohne diese allerdings strikt durchziehen zu wollen. Aus den Erfahrungen
verschiedenster Stilrichtungen findet er zu einer neuen Sprache, die
mutig, glaubwürdig und in sich geschlossen wirkt. Als Dirigent des Chores und des Bach-Collegiums München ist Albrecht
ganz nach altem Vorbild gleichzeitig Continuospieler und somit – wie
auch die Solisten – ein Teil des Ganzen. Was dabei entsteht ist eine
Matthäuspassion, der es nicht eine Sekunde lang an Konzentration
mangelt, die farbig und dynamisch klingt wie schon lange nicht mehr.
Sicher: Der große, durchschlagende Chorklang weicht einem eher
durchsichtigen Klangbild, das gegenüber dem Vorjahr aber noch an
Dynamik und Ausdrucksstärke gewonnen hat. Das Wort wird zwar nicht
überbetont, aber Hansjörg Albrecht arbeitet sehr genau an dessen
musikalischer Ausdeutung. Seine Zeichensprache und die Exaktheit des
Dirigats machen klar, wie wichtig ihm die musikalische Rhetorik ist,
die hinter dieser großartigen Komposition steckt. Dabei gestattet er sich immer wieder eigenwillige Generalpausen, die
spannungssteigernd wirken, interessante Temposteigerungen und
dynamische Kontraste, die der Härte des geschilderten Geschehens
Rechnung tragen. Besonders schön gelingt der zweite Teil: Hier treibt Albrecht das
Geschehen gemeinsam mit dem herausragenden Evangelisten Johannes
Kalpers in einen geradezu Schwindel erregenden Strudel, schafft eine
unerhörte Klimax. Die Kontraste setzt er in den ruhig betrachtenden
Arien. Hier gelingen mit großem Atmen geradezu Kleinode. Etwa die
Alt-Arie "Erbarme dich" (stimmlicher Samt in Reinkultur: Elisabeth
Kulman) im Zwiegespräch mit Florian Sonnleitners innigen Geigen-Tönen,
aber auch die Sopranarie (schön: Brigitte Geller) "Aus Liebe will mein
Heiland sterben" mit Oboen- und Flötensoli, an der Albrecht so lange
formt, bis menschliche und Instrumentalstimme miteinander zu
verschmelzen scheinen. Es ist echte klangästhetische Arbeit, die da
geleistet wird. Wenn man so will, liegt der einzige Schwachpunkt dieser
Interpretation im Eingangschor. Hier hatte man einen Chor der
Regensburger Domspatzen einbezogen (nicht den A-Chor und somit zu wenig
klangintensive Stimmen), den Albrecht häufig mit dem Rest des Chores
zudeckte. Und auch die Partien des Tenors (Torsten Hofmann) und des
(eingesprungenen) Basses (Marcus Niedermeyr) hätte man sich stimmlich
markanter besetzt gewünscht. Was auch im besonderen auf den Christus
von Markus Marquardt zutrifft. Insgesamt aber ein hoch spannender
Einstieg in eine neue Ära des nach wie vor außergewöhnlichen Chores,
auf dessen weitere Entwicklung man sehr gespannt sein darf. Barbara Winterstetter
- DONAUKURIER - 17. April 2006

Auskosten der Affekte
"Wenn
mich falsche Zungen stechen", heißt es in der "Matthäus-Passion", doch
davor war der Münchener Bach-Chor mit seiner Aufführung von Johann
Sebastian Bachs Oratorium am Karfreitag in der Philharmonie weit
entfernt. Ausgesprochen schade, dass es im Vorfeld versäumt wurde, auf
die Einführung hinzuweisen, zu der Dirigent Hansjörg Albrecht vor
Konzertbeginn eingeladen hatte. Die Details, die er aus seinem
außergewöhnlichen Interpretationsansatz erläuterte, hätten ein größeres
Publikum erreichen sollen. Albrecht beschränkte sich in dieser
Passion nicht darauf, die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu
Christi von seinen Solisten, Chor und dem Bach-Collegium München nur
nacherzählen zu lassen, sondern legte mit einer naturalistischen,
realen, teils gar schroffen Interpretation die Seelenzustände der in
die Handlung verwickelten Personen frei. Albrecht setzte nicht auf
Pathos, sondern lenkte mit außergewöhnlich straffen Tempi, scharfen,
dynamischen Akzentuierungen und dem Auskosten der Affekte den Blick auf
die letzten Stunden eines Gefangenen frei, der dem Tod entgegensieht.
Mit Johannes Kalpers hatte er einen Evangelisten, der mit hellem,
farbigem, tenoralem Timbre packend die dramatische Entwicklung
schilderte. Ihm zur Seite ein sowohl markanter, als auch feinsinniger
Markus Marquardt als Christus. Das in sich homogene Solistenensemble mit Brigitte Geller (Sopran),
Elisabeth Kulman (Alt), Torsten Hofmann (Tenor) und Marcus Niedermeyr
(Bariton) war inmitten von Doppelchor und -orchester platziert, wodurch
es manchmal eher zu dezent wirkte. Ausgesprochen effektvoll die
Doppelbesetzung mit zwei Chittaronen, sowie dem zweitem Cembalo-und
Orgelspieltisch, an dem zurückhaltend souverän Olga Watts agierte, und
die dramaturgisch von Petr Wagner wunderbar eingesetzte Viola da Gamba. Dorothea Hußlein
- MÜNCHNER MERKUR - 18. April 2006 |