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Pressestimmen
Im Dezember 2004 hat Martin Kusej – ursprünglich vom Schauspiel kommend und seit seiner "Don Giovanni"-Inszenierung in Salzburg auch Opernfreunden weltweit bekannt - an der Staatsoper unter den Linden "Carmen" inszeniert. Die Wiederaufnahme am 27. Oktober war die 23. Vorstellung dieser Produktion; nicht gerade viel in nicht ganz drei Jahren, wenn man bedenkt, dass "Carmen" zu den Fixsternen am Opernhimmelzählt.
Kusejs Spanien ist weit entfernt von allen Postkartenklischees, nicht nur, weil Bühnennebel im Übermaß verblasen wird (und Sänger und Orchestermusiker behindert und das Publikum zum Hustreiz zwingt). Die Fabriksarbeiterinnen laufen in Dessous durch die Gegend, Don José ist kein strammer Soldat, sondern steht zerknittert in der Gegend herum, Mercédès und Frasquita sind (vorsichtig ausgedrückt) leicht bekleidet und so weiter und so weiter. Da verwundert es auch nicht, dass die Zigarettenfabrik keine Ähnlichkeit
mit einer solchen hat und der halbe erste Akt auf deren Dachschräge spielt (was den Mitwirkenden beinahe akrobatische Fähigkeiten abverlangt); da fragt man auch nicht mehr, warum das Lokal von Lilas Pastia rund um einen Wasserturm angelegt ist (mit einem wassergefüllten Graben als Teil der Spielfläche); es befremdet auch nicht mehr sehr, dass die wilde Gegend des 3. Aktes die Ruine eines Kirchenschiffes samt Altar ist; und der Platz vor der Arena im 4. Akt ist wohl so groß, dass man die Arena nicht sieht.
Und doch ist das alles nicht bloß Regietheater, sondern folgt einer inneren Logik. Kusej sieht die Handlung der Oper und die handelnden Personen darin als zeitloses Geschehen, das zu jeder Zeit und an jedem Ort stattfinden kann. Und aus diesem Blickwinkel charakterisiert er die Figuren. Carmen ist die ebenso attraktiv wie (jedenfalls äußerlich) selbstsichere junge Frau, die sich an keine Konventionen hält und in jeder Lebenslage handelt, wie es ihr gefällt. Das Verhältnis mit dem in dieser Inszenierung wahrhaft
nicht männlichen Don José kann nicht von langer Dauer sein (der hier viel virilere Moralès würde sie im Innersten vermutlich deutlich mehr anziehen). Da sieht sie in Escamillo, dem als siegreichen Torero die Frauen so zu Füßen liegen wie ihr die Männer, viel eher ihr alter ego. Dass alle drei - Carmen, Escamillo und Don José - am Schluss sterben und damit zum Opfer ihrer Leidenschaft werden, ist die logische Konsequenz, das folgerichtige Ende. In diesem Dreieck spielt Micaela nur mehr eine Nebenrolle, eben die
von der Mutter zum Sohn gesandte Botin.
Für die szenische Umsetzung dieser Sicht bedarf es Künstler, die nicht nur stimmlich ihre Partien beherrschen, sondern auch als Persönlichkeiten dem Konzept entsprechen. Die Direktion der Lindenoper hat diese Singschauspieler bis in die Nebenrollen gefunden und eine annähernd optimale Besetzung ermöglicht. Alfred Kim ist ein stimmgewaltiger Don José, der zwischen der Pflicht als Soldat, dem Gehorsam der Mutter gegenüber (er liebt Micaela sicher nicht, verspricht aber der Mutter, sie zu heiraten) und der Liebe
(oder ist es eher eine spontane Leidenschaft) zu Carmen zerrieben wird. Da ist Hanno Müller-Brachmann als Escamillo schon ein ganz anderer Mann. Plötzlich steht er da, singt sein Auftrittslied und nimmt Carmen für sich gefangen. Sie weist ihn noch ab, und dennoch weiß jeder, es muss so kommen, wie es kommt. So und nicht anders muss der Torero die Bühne füllen - als Persönlichkeit und von der Stimme. Adriane Queiroz ist eine inszenierungsgemäß sehr blasse Micaela, die mich auch stimmlich nicht wirklich überzeugen
konnte. Sehr gut die kleineren Rollen - Georg Nigl (Dancairo), Florian Hoffmann (Remendado), Arttu Kataja (Moralès), Andreas Bauer (Zuniga), Olaf Weißenberg (Lilas Pastia) und vor allem Anna Prohaska (Mercédès) und Susanne Kreusch (Frasquita).
Als Carmen debütierte an der Lindenoper Elisabeth Kulman (seit dieser Saison Mitglied im Ensemble der Wiener Staatsoper; da hat der Direktor wieder seinen legendären "Riecher" für begabte junge Sänger unter Beweis gestellt). Sie IST die von Kusej gezeichnete Carmen in jeder Nuance der Partie; da ist in der Tat mehr als gespielte Koketterie, da zeigt sie erfülltes Leben. Und sie singt die diffizile Partie mit Ausdruck und Eleganz
gleichermaßen. Wer hätte gedacht, dass der 27. Oktober nicht nur ihr Hausdebüt war, sondern sie an diesem Abend die Carmen (praktisch akzentfrei) auch erstmals original in Französisch sang.
Unter der (manchmal zu lauten) Leitung von Dan Ettinger zeigte die Staatskapelle Berlin alle ihre Stärken.
Großer Jubel im ausverkauften Haus.
Michael Koling - DER NEUE MERKER / TAMINO KLASSIKFORUM - 4. November 2007

Ich hatte Gelegenheit, die zweite angesprochene Vorstellung am 02.11.07 wenigstens auf einem Hörplatz mitzuerleben - die Regie ist also an mir vorbeigegangen.
Die Beurteilung der Sänger teile ich im wesentlichen. Kim gehört zu der deutlich größer werdenden Gruppe koreanischer Sänger, die viele hier sprichwörtlich in Grund und Boden singen mit guter, ausdrucksvoller Stimme und sauberer Technik.
Und besonders beeindruckt hat (auch) mich die Carmen von Elisabeth Kulman - eine Sängerin, die man wirklich im Auge behalten sollte!
Elisabeth - TAMINO KLASSIKFORUM - 5. November 2007

Ich war bei der Premiere und habe den Jubel noch gut im Ohr, schreibe aber nicht [für den Neuen Merker - Anm.d.Red.]. Frau Kulman gehört in der Tat zu den überragendsten Sängerinnen, die ich in den letzten Jahren (ich bin beruflich bedingt eigentlich fast 3 mal wöchentlich in irgendeinem Theater) hören durfte. Schade, daß sie schon einen Agenten hat! Dank für den Hinweis an Menschen, die immer nur dasselbe
hören und leider auch permanent hören wollen. Vielleicht lässt sich auch ein Merker-Kritiker herab, einmal über solche Events zu berichten.
Paul Scooter - MERKER FORUM - 13. November 2007
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