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Pressestimmen
Vergangene Woche wurde der 150. Wiederkehr
des Geburtstages von Wilhelm Kienzl gedacht. Das Werk des
oberösterreichischen Komponisten erlebt rechtzeitig zum Jahrestag eine
kleine Renaissance. Am Landestheater Linz gibt man "Das Testament", an
der Volksoper Wien wurde "Der Evangelimann" wieder aufgenommen.
Regisseur Josef Ernst Köpplinger hat die
Geschichte um die tragische Liebe zweier Brüder zu Martha an den Beginn
des 20. Jahrhunderts verlegt. Das erlaubt ihm, feine Widerhaken in das
"bürgerliche Rührstück" (wie es Eduard Hanslick nannte) zu setzen. Eine
wilde Wirtshausszene um den Schneider Zitterbart wird zum Beispiel
eines gelebten Alltags-Antisemitismus.
Ein Publikumserfolg
Zum Erfolg tragen auch die Kostüme von Marie-Luise Walek und die
eindrucksvolle Bühne von Johannes Leiacker bei. Letztere spannt einen
Bogen von Abstraktion im ersten Akt zu sozialer Tristesse im zweiten.
Im Zwischenkriegs-Wien führt das Schicksal die zwei entzweiten Brüder
wieder zusammen: Der eine todkrank, der andere ein verarmter
"Evangelimann".
Gegenüber der vom Publikum umjubelten Premiere im April des letzten
Jahres wurden zwei Titelpartien neu besetzt. Sorin Coliban gab einen
mächtigen und Angst einflößenden Justiziär, Elisabeth Kulman gelang ein
berührendes Rollendebüt als Magdalena.
Alexandra Reinprecht ist eine liebenswerte und auch stimmlich agile
Martha. Christian Dreschner debütierte als gedemütigter Xaver
Zitterbart. Alfred Eschwé hatte das Orchester gut im Griff. Im zweiten Akt, er spielt dreißig Jahre später, wird ein jüdischer
Bürger von Hahnenschwanzlern bedroht. Die historische Tiefenschicht
gibt der schwülstigen "Evangelimann"-Handlung und dem sprachlich
flachen Libretto einen Hauch von Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Rainer Elstner - WIENER ZEITUNG - 23. Januar 2007

Die Volksoper spielt wieder Kienzls einst so beliebten "Evangelimann" - und der Erfolg gibt ihr Recht.
Selig
sind, die der Volksoper zu diesem Erfolg verhalfen: Zum 150. Geburtstag
Wilhelm Kienzls gibt man wieder den "Evangelimann" in der begeistert
aufgenommenen, auf DVD gebannten Produktion vom April 2006, und feiert
sich damit auch selbst. Schließlich geschieht es nicht alle Tage, dass
sich ein Theater an ein scheinbar so zeitgebundenes Zugstück von anno
dazumal wagt - und sich herausstellt, dass das Volk, soll heißen:
Publikum für diese Art von Volksoper, nicht ausgestorben ist, im
Gegenteil.
Nach unglaublicher Popularität als Rührstück
desavouiert, dessen Schlager "Selig sind, die Verfolgung leiden" nur im
Wunschkonzert-Reservat überdauerte, ist der "Evangelimann" glorreich
auferstanden. Nicht zuletzt, weil Regisseur Josef Ernst Köpplinger ihn
in ein historisch genau und überreich definiertes Ambiente versetzt: Im
Hinterhof-Elend von 1930 verzeiht Mathias Bruder Johannes an dessen
Totenbett, dass dieser ihn einst aus Rivalität um Martha als
Brandstifter verleumdet hat, wofür er 20 Jahre im Kerker schmachten
musste. Der präzis formulierte Sozialrealismus
färbt auf die Handlung ab, verleiht Mathias' Größe die nötige
Glaubwürdigkeit. Schattenseite des Massenaufgebots an Komparserie: Da
keine Großaufnahmen die Aufmerksamkeit bündeln, stört allzu viel
Drumherum die finale Konfrontation der Brüder. Inszeniert Köpplinger
quasi Verismo, huldigt Kienzl noch dem Pathos des Musikdramas. Epigone
ist er dennoch nicht: dank des natürlichen Flusses seines Parlando,
geglückter Synthese aus Leitmotivtechnik und pausbäckigem
Spielopernflair. Etliche Pfunde der "Zentnerlast des Wagnerschen Erbes"
(Kienzl) schüttelt er ab, indem er bruchlos Volkstümliches integriert.
Alfred Eschwé hat Kinderchor, Chor,
Orchester voll im Griff: Alles tönt sicher, sauber, sogar ungewöhnlich
klangschön; erst gegen Ende knallen die Höhepunkte zu sehr. Kriecherei,
Brutalität, Selbstvorwürfe finden bei Charakterbariton Wolfgang Koch
(Johannes) gleichermaßen intensiven Ausdruck, während John Dickie als
gebrochener Antiheld überzeugender wirkt denn als jugendlicher
Liebhaber, obwohl Alexandra Reinprecht (Martha) genug Anreiz böte.
Kleiner Luxus im übrigen, guten Ensemble: Elisabeth Kulmans Magdalena.
Walter Weidringer - DIE PRESSE - 23. Januar 2007

Fast genau zum 150. Geburtstag des Komponisten (18. Jänner 1857) wurde die Produktion des "Evangelimann" (Premiere am 6. April 2006) von Wilhelm Kienzl
gestern am Abend wieder aufgenommen. Das Interesse des Stammpublikums
konzentrierte sich dabei vor allem auf das Debüt von Elisabeth Kulman in der
Rolle der Magdalena. Dass dieser Wiederaufnahme eine Serie von Proben
vorausgegangen war, merkte man vor allem auf der Bühne – weniger aber im
Orchestergraben. Der Realismus der Inszenierung (Regie: Josef Ernst
Köpplinger, Bühnenbild: Johannes Leiacker, Kostüme: Marie-Luise Walek)
gefällt den Besuchern weiterhin, wenngleich aus meiner Sicht in manchen
Szenen doch zu viel des Guten auf die Bühne gebracht wird. Man kann
Realismus auch übertreiben. Das verfeindete Brüderpaar singen jetzt
Wolfgang Koch (war schon in der Premiere der Johannes) und John Dickie (der
als Matthias schon in Reprisen zu hören war). Dickie, eher ein lyrischer
Tenor, muss sich in den dramatischeren Passagen der Partie doch abmühen,
gewinnt aber das Publikum durch eine insgesamt überzeugende Rollengestaltung
für sich. Sein baritonaler Gegenpart Wolfgang Koch trumpft mit Stimme und
Persönlichkeit auf und beweist auch an diesem Abend, dass sein
Premierenerfolg durchaus berechtigt war. Sorin Coliban poltert als auch
jähzorniger Justiziär Friedrich Engel durchaus rollendeckend. Seine Nichte
Martha, die Frau zwischen den beiden Brüdern, singt wieder Alexandra
Reinprecht. Und wie schon kürzlich als Rosalinde sind stimmliche Probleme
unüberhörbar (ich habe das Gefühl, dass sie in letzter Zeit zu viel gemacht
und sich überfordert hat). Elisabeth Kulman ist die neue Magdalena und
das 2. Bild gehört ihr. Der Zeitraum von 30 Jahren zwischen erstem und
zweiten Bild und das daraus resultierende Altern wird nicht nur in Maske und
Kostüm deutlich, szenische Kleinigkeiten beweisen schauspielerische
Intelligenz. Das alles wird durch stimmliche Kompetenz ergänzt. Sie weiß
um die Stärken ihrer dunklen Stimme und setzt diese Qualitäten auch
vorteilhaft ein. Rollendeckend besetzt sind auch die kleineren Partien im
ersten Akt, ausgezeichnet – und berechtigt mit Szenenapplaus bedacht – singt
der Kinderchor. Leider nicht den besten Abend hatte das Orchester unter
der Leitung von Alfred Eschwé. Da wackelte doch manch ein Einsatz und der
eine oder andere Misston drang aus dem Graben ins Auditorium. Dennoch –
gesamt gesehen ein durchaus positiver Abend.
Michael Koling - YAHOO GROUP VOpera - 21. Januar 2007

Wer erinnert sich nicht an vorweihnachtliche
Weihnachtsgalas und anderen Fernsehevents gehobener Unterhaltung wenn
ein verhärmt dreinblickender Tenor im grauen Wallehaar auf einer Bank
sitzend eine Schar niedlich zurecht gemachter Kinder eines mehr oder
minder plärrenden Kinderchores zum gemeinsamen Gebet aufruft und eine
ältliche Altistin dazu orgelnde Stütztöne mitbrummt? Dann ertönte sie
wieder die alte Weise, getreu dem Motto "immer wieder gern gehört", aus
des glühenden österreichischen Wagnerianers - Wilhelm Kienzl - Feder um
die unter Verfolgung leidenden. Vielleicht kennt der eine oder andere
Connaisseur unter Opernfreunden noch den anderen "Schlager", Magdalenas
Lied von den schönen Jugenstagen, aber wer kennt heute noch die gesamte
Oper, die einst von keinem Spielplan wegzudenken war. Der
bundesdeutsche Opernfreund wird es schwer haben, dieses Werk auf
"seinen" Bühnen erleben zu dürfen, da hiesige Intendanten schon bei
Nennung des Komponistennamens sich wie unter schlimmsten Leibschmerzen
krümmen. Da heißt es schon nach Österreich zu fahren, aber auch da ist
es inzwischen still geworden um den oberösterreichischen Tonsetzer. Umso
dankbarer darf man sein, daß die Volksoper Wien ihre viel beachtete,
erfolgreiche Produktion von Kienzls Meisterwerk anläßlich dessen 150.
Geburtstag am 20. 1. 2007 wieder auf den Spielplan setzte. Wer mit
Schaudern an das eingangs erwähnte Szenario zurückdenkt, der kommt in
der Inszenierung des designierten Klagenfurter Intendanten Josef Ernst Köpplinger
voll auf seine Kosten: Köpplinger verlegt die Handlung von der Mitte
des 19. Jahrhunderts in die Jahrhunderwende (1.Akt) resp. in die Jahre
vor dem "Anschluß" (2.Akt). Die Handlung wird so völlig gegen den
Strich gebürstet, ein frischer Wind weht durch den , vermeintlich,
biedermeierlichen Mief und rückt in die Nähe eines Horvath'schen
Genrestücks. Das ist handwerklich gut gemacht zumal dem Regisseur das
kongeniale Bühnenbild Johannes Leiackers und die Kostüme von
Marie-Luise Walek hilfreich entgegenkommen. Stilvoll mit leicht
ironischem Augenzwinkern die an Lüftlmalerei gemahnenden
Bauernschränke, die das Dorf St.Othmar stilisieren und deren edelste
für die Klosterpforte steht, sowie die an Tristesse und Trostlosigkeit
nicht mehr zu überbietenden Bilder des zweiten Akts. Eine finstere
Straßenflucht in einem der ärmsten Bezirke Wiens und das Elendslazarett
für das Schlußbild, hier können die Zeichnungen des Berliner
Millieumalers Zille wie die Skizzen einer Käthe Kollwitz Pate gestanden
haben. Köpplingers Personenführung ist vorzüglich, phantasiereich,
allein die Nebenstränge die er sich erfindet, wie die Judenhatz oder
das Kinderschicksal. Doch gerieten diese allerdings allzubald zum
Selbstläufer, da Köpplingers Aufgabe es war, weder ein Stück Horvarths,
Schnitzlers oder Thomas Bernhards zu inszenieren, sondern die Oper "Der
Evangelimann" und da sieht die Sache dann doch nicht so positiv aus.
Schon die Umdeutung des Schneidermeisters Zitterbart zu einem von der
johlenden Bauernmenge zusammengeschlagenen Mitbürger jüdischen Glaubens
ist fragwürdig, da nirgends im Text, noch in der Vorlage verankert.
Noch ärger im zweiten Akt. Köpplinger scheint an die Wirkung der Oper
nicht zu glauben und gönnt ihr keine Ruhepunkte. Wo Kontemplation und
Innehalten vonnöten gewesen wäre, wie in der Arie der Magdalena, der
Erzählung des Matthias oder in der Schlußszene setzt Köpplinger auf
rüden Aktionismus und die Parallellhandlung zu Matthias' "Selig sind
die Verfolgung leiden" einen Nazi-Mob eine Judenhatz veranstalten zu
lassen ist nicht nur billig sondern obsolet. Fragwürdig auch die
Verlegung des Schlußbildes aus dem Sterbezimmer Johannes' in die
unpersönliche Tristesse eines Lazaretts, das so seiner Intimität
beraubt wird. Versöhnend hingegen das Schlußbild wenn wie tröstende
Menetekel die Korinther-Verse im schwarzen Bühnenhorizont zu den
Klängen des Kinderchores den völlig alleingelassenen Matthias
erleuchten. Auch der Dirigent der Aufführung Alfred Eschwé
scheint nicht recht an die Wirksamkeit der Partitur zu glauben. Als
wolle er den Tränenfluß des Publikums hemmen, zwingt er das Orchester
der Volkoper Wien zu einem rauen unterkühlten Spiel, was zwar der
Intention der Regie, nicht aber der Partitur entsprach. Nach einer gewissen Schonung im ersten Akt lief John Dickie,
der mit der Partie des Evangelimanns sein 30jähriges Bühnenjubiläum
feiern wird, zu Höchstform auf. Ohne jegliche Larmoyanz und die Partie
des Matthias kann im zweiten Akt dazu verleiten, verschaffte er sich
mit den Bibelversen Gehör. Seine zu Herzen gehende Interpretation des
großen Leidensmonologs stellte die Schönheit seines heldischen
wohltimbrierten Tenors unter Beweis. Eine grandiose Leistung bot Wolfgang Koch
mit der pointierten Charakterstudie des sich vom Bösen zum siechenden
Selbstzweifler wandelnden Johannes Freudhofer in dem Kienzl wohl eine
Art weltliche Symbiose aus Klingsor und Amfortas sah. Der
Ausnahmebariton und Metternich-Schüler Koch ließ sich allerdings im
stupend dargestellten Fieberwahn nicht zu allzu klagendem Wehe
verleiten. Hier hadert mit kernigem Bariton ein irdischer Prometheus
mit sich und seinem Gott angesteckt vom süß verführerischen Vitriol mit
dem er Martha, die Geliebte seines Bruders, im ersten Akt für sich zu
gewinnen trachtete. Alexandra Reinprecht
gab die Martha darstellerisch zwar mit resolutem Stolz, doch vermochte
sich ihr schönklingender Sopran nicht den üppigen orchestralen
Klanggewalten zu widersetzen. Nach einem etwas bläßlichen Einstand
im ersten Akt (die Partie der Magdalena ist da auch noch sehr schwach
gezeichnet) konnte die Rollendebütantin Elisabeth Kulman
mit der pastos vorgetragenen Magdalenen-Arie den ersten Szenenapplaus
für sich verbuchen und lieferte im weiteren Verlauf eine ergreifende
Charakterstudie der in Köpplingers Regie zur Laienschwester umgedeuten
Magdalena. Sorin Coliban
spielte den gestrengen Justiziär Friedrich Engel, so wie es die Regie
verlangte als beamtenstrenge Autoritätsperson, aber Coliban spielte
seine Rolle eben nur. Weder besaß er von seiner Gestaltung, noch von
der Art der Stimmführung die Überzeugungskraft - und somit blieb
Colibans Justiziär nur ein papiernes Schemen. Hätte man ihm nicht eher
die Partie des Schnappauf anvertrauen sollen, die Einar Th. Gudmundsson mit pointierter Markanz versah? Ihm hätte man den verstockten Vormund Marthas schon stimmlich eher abgenommen. Christian Drescher
gefiel mit schlankem Charaktertenor als Debütant in der Rolle des
gebeutelten Schneiders Xaver Zitterbart. Aus dem homogenen Ensemble
stachen als köstlich grantelndes Ehepaar Aibler Josef Forstner und Sulie Girardi hervor, und mit den stimmgewaltigen Rufen des Nachtwächters machte Stefan Cerny auf sich aufmerksam. Spielfreudig erwiesen sich Komparserie, Chor und Kinderchor der
Volkoper Wien.
Dirk Altenaer - DER NEUE MERKER - 24. Januar 2007

Wenn man eine Vorstellung des ernsteren Genres in der Volksoper besucht, darf man sich nicht wundern, dass hier pures Unverständnis, eventuell Desinteresse herrscht. Die Stimmung ist flau, das Haus unvoll, das Publikum schlummert vor sich hin. Dabei wäre es durchaus wert gewesen, an diesem Abend aufmerksam dem Tun der Künstler Aufmerksamkeit zu schenken. Das begann bei Alfred Eschwe, der hier ein sehr ordentliches Dirigat ablieferte
und das Orchester zu einer ansprechenden Leistung bewog. Das setzte sich fort in der Partie der Magdalena in der Person von Elisabeth Kulman. Ihre warme und kräftige Stimme konnte auch in der wenig spektakulären Rolle gut gefallen. Auch Wolfgang Koch als der böse Bruder Johannes wirkte sehr präsent, wenngleich es ihm an Wortdeutlichkeit mangelt. Weniger zufrieden konnte man mit Alexandra Reinprecht als Martha
sein. Ihre Stimme schwebt zwischen lyrisch und halbdramatisch und ist leider keines von beiden. Auch John Dickie als der unglückliche Matthias war keine Ohrenweide, hier muss man wohl der langen Karriere Tribut zollen und wenig Stimmschönheit erwarten. Sorin Coliban war ein auftrumpfender Justitiar Engel. Die Inszenierung ist ein Jahr nach der Premiere immer noch beachtlich, wenn auch die Verlegung von Raum und Zeit nicht unbedingt zur Hebung der Glaubwürdigkeit des Werkes beitragen. Trotzdem ein Abend, der sich
mehr und aufmerksamere Besucher verdient hätte.
members.chello.at/marksown - 23. Januar 2007
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