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Pressestimmen
Ein Bauer als Kriegsheld
Am Ende gibt es Sekt. Der dumme Diener Brillo (Thomas Stache) und der falsche Gegenspieler Andronico (Terry Wey) gehen mit ihren Tabletts durch die Reihen des Schwetzinger Rokokotheaters, während das auf historischen Instrumenten spielende Balthasar-Neumann-Ensemble unter der Leitung von Thomas Hengelbrock die feierliche Schlussszene musikalisch zelebriert. Als Brillo dem Premierenpublikum zuprostet, explodiert sein Sektglas. Es ist die letzte Überraschung in dieser fulminanten Produktion, die die 1683 von Giovanni
Legrenzi komponierte Oper "Il Giustino" (nach dem Libretto von Nicoló Beregan) in der Regie von Nicolas Brieger und den prächtigen Kostümen von Jorge Jara sinnlich, prall und intelligent auf die Bühne bringt.
Legrenzis Oper war direkt nach ihrer Entstehung eines der meist gespielten Stücke, und das nicht nur in Venedig. Viele andere Komponisten wie Domenico Scarlatti, Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel vertonten den Stoff. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist "Il Giustino" jedoch von den Bühnen verschwunden. Mit der im byzantinischen Kaiserreich angesiedelten, auf historischen Tatsachen beruhenden Geschichte um den Aufstieg des Bauern Giustino zum Kriegshelden, der gefangene Frauen befreit, allein
gegen Heerscharen kämpft und nebenbei ein Ungeheuer erlegt, konnten die aufgeklärten Europäer nichts mehr anfangen.
Regisseur Nicolas Brieger vertraut in seiner Inszenierung der Dramaturgie des Barocktheaters, seinen schnellen Schnitten, seinem Hang zu Übersinnlichem, seinen Effekten und Affekten. Und macht damit alles richtig. Eine Krone ist eine Krone, eine Schlacht ist eine Schlacht. Ganz nah am Text ist dieser "Il Giustiono", und doch voller Fantasie. Das Ungeheuer streckt seine Fänge durch einen Latexboden, bei der Schiffskatastrophe singen Anastasio und Giustino (Elisabeth Kulman) ihre Rezitative auf einem
hin- und herschwingenden Segelmast.
Stets findet der Regisseur überraschende Lösungen für die plötzlichen Stimmungsumschwünge und Szenenwechsel der Oper - und hält damit das Tempo hoch. Katrin Nottrodt hat ihm dafür eine variable Stahlbühne gebaut, die den Acker des Bauern Giustino blitzschnell in einen Kaiserpalast verwandeln kann. Kurz vor der Schlacht kommt der große Stahlwürfel auf den Orchestergraben zugefahren und mit einem lauten Krachen klappt die Falltür herunter: Die Armee steht drinnen bereit. Der kleine Bühnenraum wird stets neu strukturiert,
die Szenen gehen ineinander über.
Die überraschende Attacke findet man auch im Orchestergraben, der in Schwetzingen fast keiner ist, so nah ist die Musik beim Geschehen. Dirigent Thomas Hengelbrock und Cembalist Michael Behringer haben viele Stimmen der in Schwetzingen gespielten Urfassung teils ergänzt, teils neu geschrieben und dabei gleich eine neue Edition des Werks herausgegeben.
Das Balthasar-Neumann-Ensemble ergreift jede Gelegenheit zur Dramatisierung, lässt in den vielen intimen Momenten mit weichem Streicherklang die Zeit still stehen und erzielt in den Schlachtszenen einen fast brutalen musikalischen Ausdruck. Je nach Szene wird mal forciert, mal reduziert. Und der Kontrabassist darf auch mal ein Linie in Jazzmanier swingen, um dem höfischen Tanz noch ein bisschen mehr Groove zu geben.
Der musikalische Reichtum des Orchesters ist auch bei der fulminanten Altistin Elisabeth Kulman zu finden, die den Giustino mit aller Kraft ausstattet, die ein Held so haben muss, aber auch unzählige Zwischentöne bereit hält. Cornelia Ptassek ist eine Arianna, die die Fülle ihrer Arien mit hoher Ausdruckskraft bewältigt, bei dramatischen Passagen jedoch intonatorisch leicht aus der Spur gerät. Georg Nigls Bariton gewinnt im Laufe des Abends an Format und
bleibt am Ende auch im Forte wohltönend. Die Countertenöre Terry Wey (Andronico) und Peter Kennel (Vitaliano) haben für Kriegshelden vielleicht etwas zu wenig Durchschlagkraft, Delphine Galou kann als kaiserliche Schwester Eufemia auch musikalisch deutlich machen, weshalb sie gleich von zwei Männern begehrt wird.
Schauspielerisch ist das ganze Ensemble eine Wucht, was sicherlich auch der Regiearbeit des Schauspielers Nicolas Brieger zu verdanken ist. Ganz selbstverständlich erzählen die Figuren ihre Geschichte, verkörpern Brutalität, Rache und Liebeswonnen oder bedienen auch den Klamauk, wenn etwa der Diener Brillo (Hinreißend: Thomas Stache) mit einem Liegestuhl kämpft oder sich in den Drehtüren verfängt. Dieser Schwetzinger "Giustino" strotzt vor Spielfreude und ist immer für eine Überraschung gut.
Georg Rudiger - SUEDKURIER - 28. April 2007

... (Arien) ... die von einem bemerkenswerten Solistenensemble auf hohem vokalen Niveau umgesetzt wird. Mit ihrem intensiv leuchtendem und markanten Mezzo setzte sich Elisabeth Kulman in der Titelpartie mühelos an dessen Spitze.
Ulrich Hartmann - BADISCHE NEUESTE NACHTICHTEN - 28. April 2007

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus
... Das ist genauso inspiriert wie intelligent gemacht und umgesetzt, und es wundert nur, dass keine Bildaufzeichnung einer solchen Produktion möglich ist in einer Zeit, in der der Markt mit DVDs nur so überschnwemmt wird. Höchst bedauerlich.
Am Sonntag (20 Uhr) findet immerhin die zeitversetzte Live-Radioübertragung aus Schwetzingen in "S2 Kultur" statt: Das größte Rundfunk-Festival der Welt konserviert so zumindest das klangliche Ergebnis - und das kann sich hören lassen. Georg Nigl als byzantinischer Kaiser Anastasio ist ein charismatischer Sänger-Darsteller, der besonders im dritten Akt vor Eifersucht grollt und alle Register zieht. Cornela Ptassek als deine Gattin Arianna hat lyrische Qualitäten und behauptete sich im Kreis der
Alte-Musik-Experten mit schlanker Stimmführung und poetischem Glanz ... Elisabeth Kulman in der Titelrolle ist eine perfekte Besetzung dieser überaus vielschichtigen Partie. Delphine Galou als des Kaisers Schwester Eufemia glänzt mit dunklem Timbre und differenziert gestaffelten Emotionen. Countertenor Terry Wey als Andronico, der in herrlich grünem Frauenkleid um seine angebetete Eufemia wirbt, biete mit unangestrengt geschmeidiger Stimme Gesangskunst
für barocke Feinschmecker. Der altus Peter Kennel schließlich bestürmte beider Premiere als Vitaliano nicht nur das byzantinische Königreich, sonder auch das Schwetzinger Publikum. Hermann Oswald, Manfred Bittner, Thomas Stache und Marina Bartoli glänzten in Nebenrollen.
Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble, bekanntermaßen keine Truppe musikalischer Langatmigkeit, zeigten erneut nicht nur ihre Kompetenz in Sachen alter Musik, sie belegten vor allem, dass historische Treue nicht Stillstand und Verstaubtheit bedeuten. Da die Partitur zum größten Teil zeilgerichtete Improvisation verlangt (die Continuo-Gruppe besteht aus mindestens sechs Musikern an etwa zehn mindestens Instrumenten, während das übrige Orchester etwa genauso viele weitere Instrumente zählt), wurde
besonders in den Balletten nicht selten dem Affen Zucker gegeben und swingend demonstriert, dass die Venezianer zum Ende des 17. Jahrhunderts keine Kinder von Traurigkeit waren. Eine musikalische Orgie der Sonderklasse.
Matthias Roth - RHEIN-NECKAR-ZEITUNG - 28. April 2007

... Der Reichtum des Orchesters ist auch bei der Altistin Elisabeth Kulman zu finden. Dunkle Farben, die in der Tiefe bedrohlich wirken, gewaltige, glasklare Spitzentöne, aber auch warm Timbriertes im Mezza-Voce-Bereich. Cornelia Ptassek ist eine Arianna, die die Fülle ihrer Arien mit hoher Ausdruckskraft bewältigt, bei dramatischen Passagen jedoch intonatorisch
leicht aus der Spur gerät. Georg Nigls Bariton gewinnt im Laufe des Abends an Format und bleibt am Ende auch im Forte wohltönend. Die Countertenöre Terry Wey (Andronico) und Peter Kennel (Vitaliano) haben für Kriegshelden vielleicht etwas zu wenig Durchschlagkraft, Delphine Galou kann als kaiserliche Schwester Eufemia auch musikalisch deutlich machen, weshalb sie gleich von zwei Männern begehrt wird. Schauspielerisch ist das ganze Ensemble eine Wucht, was sicherlich auch der Regiearbeit des Schauspielers Nicolas
Brieger zu verdanken ist.
Georg Rudiger - FRANKFURTER RUNDSCHAU - 10. Mai 2007

... Legerenzi "Giustino" verdient den Ehrentitel des "zu Unrecht vergessenen Meisterwerks" uneingeschränkt. ... So gelingt Legrenzi eine temporeiche Dramaturgie. Für Rampensäue ist das schnelle Spiel mit Szenenwechseln nichts, wohl aber für Sängerdarsteller. Das in Schwetzingen versammelte Emsemble ließ in dieser Hinsicht keine Wünsche offen, agierte mit Lust und sang durchweg aufs schönste: Elisabeth
Kulman gab mit androgyner, zu Innigkeit wie Dramatik fähiger Stimme einen strahlenden Giustino, Terry Wey butterweich und federleicht den Gegenspieler und BRuder Andronico. Georg Nigl präsentierte den Kaiser Anastasio nobel, expressiv und krfatvoll, Cornelia Ptassek die Kaiserin Arianna zunehmend souverän. Sehr beweglich agierte auch Peter Kennel als Vitaliano. ...
Michael Gassmann - FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG - 30. April 2007

... Allerdings braucht man dazu auch die richtigen Sänger: Angefangen mit einer fantastischen Elisabeth Kulman in der Titelpartie und einer mit stimmlicher wie darstellerischer Sinnlichkeit punktenden Delphie Galou als Eufemia. Über eine kultivierte, aubere Technik verfügen die beiden Counterstimmen von Terry Wey (Andronico) und Peter Kennel (Vitaliano), während Georg Nigl als Kaiser Anastasio ebeson zum Niederknien
schöne lyrische Passagen gelingen wie er als eifersüchtiger Gatte Otello-gleich drohen und zürnen kann.
Frank Pommer - DIE RHEINPFALZ - 28. April 2007

Episoden über Macht, Krieg und Liebe
Ein spannender Abend - Nicolas Brieger und Thomas Hengelbrock interpretieren Legrenzis "Il Giustino"
Exakt um 19.13 Uhr ist es so weit, da bricht die Welt zusammen. Abertausende von Glasscherben stürzen vom Himmel herab. Ein Höllenkrach lässt uns zusammenzucken. Das kaiserliche Glück wankt, die Ehe bröckelt, der Friede kippt. Eben noch lagen sie sich in den Armen, Kaiser Anastasio und Kaiserin Arianna, umschlungen von Goldbrokat und erotisch aufgeheizt von Venus und ihren säuselnden Worten: "...vereine die Seelen und schmücke ihr Bett mit Blüten." Alles vorbei!
Mit dem Krawall läutet Regisseur Nicolas Brieger, von 1988 bis 1992 Mannheims Schauspieldirektor, auf brutale Weise die Konflikte des Dramas ein. Alles ist in Bewegung. Alles ist relativ. Die Liebe, Treue und Macht, das Heil und das Recht, sie sind ein Gut, dessen man sich nie sicher sein kann.
So kommt dieser Abend in Gang. Sprengend. Spektakulär. Spannend. Und was wir in den kommenden 200 Minuten mit Giovanni Legrenzis Oper "Il Giustino" im Schwetzinger Rokokotheater erleben, ist so etwas wie ein Politthriller, dem es nicht an thematischen Haupt- und Nebenfäden fehlt, denn um die Story des Bauern Giustino, der sich durch kriegerische, blutige und unmenschliche Heldentaten bis zur Kaiserkrönung emporkämpft, ranken sich reichlich Intrigen, Lügen und Liebeswirren.
Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Werk einst, 1683, großen Erfolg hatte, verbindet es doch ähnlich wie Robert Altman in seinem legendären Film "Short Cuts" ein komplexes episches Erzählen mit der Kurzweiligkeit des Episodischen, das sich sogar in der kleinteiligen musikalischen Struktur wiederfindet: 81 Arien, unzählige Rezitative, Miniarien (Cavaten) und Ritornelli skizziert der Notentext, der nach Art des Frühbarock meist nur die Bass-, Trompeten- oder Gesangsstimme aufweist und von Thomas
Hengelbrock und dem Balthasar-Neumann-Ensemble für die Schwetzinger Aufführung, die erste seit 324 Jahren, pfiffig instrumentiert und dann genialisch und spritzig musiziert wurde.
Und dieses Episch-Episodische, die klingende Kleinteiligkeit des "Melodramma" haben Regisseur Brieger und sein Team exzellent in eine ästhetische Theatersprache umgesetzt. Brieger lässt die drei Akte in einer schwarz gestrichenen Industriearchitektur spielen, die durch eine bewegliche Guckkastenrutschbühne tunnelartig mit dem hinteren Bühnenraum verbunden ist (Katrin Nottrodt). Hier agieren kalte und verliebte, machtbesessene und machtlose Menschen in stilisierten, modernen Science-fiction-Klamotten
(Jorge Jara) und werden durch das facettenreiche Licht (Alexander Koppelmann) und die Musik von einem Schauplatz zum anderen katapultiert. Und die geheimnisvolle Düsternis und Nacktheit dieser Räume scheinen einem die seelischen Abgründe der Protagonisten vor Augen zu führen. Zudem versteht Brieger es, seelische Innenräume nach außen zu stülpen. Alle Figuren, die neun Menschen und drei Göttinnen, sind psychologisch scharf konturiert, ihre Auftritte besitzen Logik und Stringenz.
Dass dies, über der äußerst farbig und differenziert dargestellten Musik, maßgeblich auch den Sängern, ihren Stimmen und Darstellungen, selbst zu verdanken ist, versteht sich. Da ist Elisabeth Kulmans Giustino. Hehr, ernst und stattlich männlich schwingt sie wie Uma Thurman in Tarantinos "Kill Bill" das Samurai-Schwert. Ihr Mezzosopran klingt dabei immer kultiviert, substanzreich und doch elegant, in einer schnellen Arie wie "Mi chiama nel campo"
(Mich ruft zum Schlachtfeld ...) beweist sie zudem eine äußerst saubere Intonation und gepflegte Artikulation. Heller, aber ebenso sorgfältig und geschmackvoll, gerät Delphine Galou die Eufemia, deren stark erotische Komponente sie in kecken Tönen genauso deutlich werden lässt wie in so manchem Hüftschwung. Kaiser Anastasio hat in Georg Nigl keinen klassisch sonoren, wohl aber expressiven Bariton, der zudem (Rezitativ und Arie "E sarà ... Non m'uccider ...") sowohl mit ungeheurer Mimik und Gestik
als auch leidenschaftlicher Halbstimme berauscht.
Mannheims junger Sopranstar Cornelia Ptassek, für die erkrankte Maya Boog eingesprungen, hat es als Kaiserin Arianna nicht leicht in dieser Gesellschaft von eher auf Alte Musik Spezialisierten. Ihre Stimme ist ja eigentlich auf einem ganz anderen Weg, hin zu den großen Verdi-, den Puccinipartien. Sie muss sich stark zurücknehmen und disziplinieren. Hinsichtlich dieser Vorzeichen gelingt ihr die Liebespassion der Arianna aber wirklich beachtlich. Peter Kennels schnelle Koloraturen wehen, der Partie des Tyrannen
Vitaliano entsprechend, wie ein ungestümer Wind durch das Rokokotheater; eine schwierige Partie, die er mit technischer Versiertheit bewältigt. Eine der schönsten Stimmen des Abends: Terry Wey als in Eufemia verliebter Andronico. Rund, warm und beseelt klingen seine Altus-Liebesschwüre, hinzu kommt ein charmanter Schlafzimmerblick, der eisigste Herzen zum Schmelzen bringt. Auch Hermann Oswald (Amantio), Manfred Bittner (Polimante/Erasto), Thomas Stache (lustig: Brillo) und Marina Bartoli (Göttinnen) gelingen
ihre Partien auf das Beste.
Was für ein Auftakt! Brieger und der Schwetzinger Dramaturgie gelingt es wieder einmal, jene Faszination des Musiktheaters auf seine Besucher zu zeigen, die heute wohl auch Kinogänger am Gesamtkunstwerk Film spüren. Ob "Il Giustino" dann auch noch die nächsten 324 Jahre überdauert, spielt da eine untergeordnete Rolle.
Stefan M. Dettlinger - SCHWETZINGER ZEITUNG/MANNHEIMER MORGEN - 28. April 2007

Wobei ihm hochrangige Solisten zur Seite standen: stellvertretend sei der präsente, bühnenfüllende Mezzosopran von Elisabeth Kulman in der Titelrolle genannt und der kristallklare Countertenor Terry Wey als zwielichtiger Andronico.
Stephan Hofmann - DIE WELT - 30. April 2007

Giovanni Legrenzi, 1626-1690, brachte es in Venedig bis zum Amt des Kapellmeisters an San Marco. Etliche seiner 20 Opern hatten Erfolg, darunter die Götter-Parodie "La divisione del mondo" und "Il Giustino". An diese 1683 uraufgeführte Oper, seine letzte, die erhalten blieb, wurde jetzt anlässlich der Eröffnung der Schwetzinger Festspiele erinnert - ein Werk, das weithin wie eine Vorwegnahme der Musical comedy des 20. Jahrhunderts wirkt.
Wie können die Paläste des antiken Byzanz noch einmal zu Theaterleben erwachen? Und wie lassen sich gewaltige Schlachten um das Oströmische Reich (und damit um den Schlüssel zur Herrschaft über die Alte Welt) auf einer gerade einmal zwölf Meter breiten Bühne eines Rokoko-Theaterchens inszenieren?
Vielleicht am ehesten durch Klang - durch Musik, deren eigentlich spröder Ton aus der frühen Neuzeit herüberfunkelt, die dann freilich nach Geschmacksvorgaben des späten 20. Jahrhunderts aufbereitet wurde. Was unter Leitung von Thomas Hengelbrock als "historische Musizierpraxis" exekutiert wird, reicht ja durch exzessive Aussetzung des Generalbasses und stark anreichernde Instrumentierung wie Auszierung an einen zweiten Kompositionsvorgang heran.
Cornelia Ptassek und Georg Nigl geben stimmlich ein treffliches Herrscherpaar ab, auch wenn ihnen dann Idealkonkurrenz erwächst in Delphine Galou als gertenschlanker Schwester des Kaisers und Elisabeth Kulman, die in der Titelpartie den zu höchsten militärischen Ehren strebenden Bauern Giustino beglaubigt und bei dieser Gelegenheit nicht nur über Stimmvirtuosität zu verfügen, sondern auch mit schlichtem Volkston
anzurühren hat. Dabei sieht sie aus wie ein Samurai. Die Ackerbaubemühungen erinnern an Archäologie, dem eloquenten Fuchteln mit der scharfen Klinge fallen diverse Ungeheuer zum Opfer - bis der naive Held, der Retter vom Dienst, selbst Opfer byzantinischer Palastintrigen wird.
Giustino erscheint als der veritable Vorläufer des Terminators (auch Gouverneur von Kolofonien könnte er noch werden). Trotz des Primats, den in Schwetzingen die Musik genießt - nicht zuletzt soll das akustische Resultat ja von der veranstaltenden Landesrundfunkanstalt als Hörfunk-Abend ausgestrahlt werden - wurde ein durchaus erheblicher Ausstattungsaufwand nicht gescheut. Mit ihm deutet sich das Goldgepränge der spätrömischen Kaiser, ihrer Frauen, Kurtisanen und deren Liebhaber an: Die schöne junge Cäsarenwitwe
Arianna genießt die Schäferstündchen mit ihrem allerliebsten Anastasio und krönt diesen zum Kaiser. Doch rasch lässt Nicolas Brieger die vor angedeutetem Säulengang angesiedelte Idylle in einem Scherbenregen zerbersten und zeigt, wie kriegerisch die Zeiten damals ums Jahr 500 waren und mit welcher Lust Giovanni Legrenzi die Schlachtszenen und die in Seenot geratenden Protagonisten mit charakteristischer, manieristisch-lautmalerischer Musik bedachte.
Insbesondere sorgen die 17 Damen und Herren des Bewegungschors für edel-stilisierte Kampfszenen. Katrin Nottrodt und Jorge Jara, die Ausstatter, lassen Segel aufziehen für stürmische Überfahrt und eine Oase hereinfahren. So wird zur aufgezwirbelten Musik auch dem Auge reichlich Abwechslung geboten und - mit der übertrieben betrunkenen Gestalt des Dieners Brillo - auch dem Buffo-Affen kräftig Zucker gegeben. Wiewohl das Libretto von Nicoló Beregan auf einen Historienbericht von Prokopios rekurriert, häufen sich
die Aventüren, Unwahrscheinlichkeiten, Rettungsaktionen und Abstürze wie in einschlägigen Hollywood-Produktionen. Gerade die Nähe zu dieser Art von Entertainment macht ein Prestige-Objekt wie die Ausgrabung dieser Oper von 1683 heute so zum einvernehmlich goutierten Erfolg.
Frieder Reininghaus - DEUTSCHLANDFUNK - 28. April 2007

Lieber Heldentaten sammeln als Kohlköpfe
"Altes wiederentdecken, Neues initiieren, dem Nachwuchs eine Chance", heißt es bei den Schwetzinger Festspielen. Zum diesjährigen Auftakt wurde Altes wiederentdeckt: Mit Giovanni Legrenzis Barock-Oper "Il Giustino" wurde das Festival fulminant eröffnet.
Giovanni Legrenzi (1626-1690) war ein vielbeschäftigter Mann. Venedig, in all seiner Pracht, war opernverrückt damals, besaß 17 Opernhäuser. "Il Giustino" ging erstmals 1683 über die Bühne. Sage und schreibe 81 Arien, mit instrumentellen Zwischenspielen, den sogenannten Ritornellen, eingebettet in einen rezitativischen Fluss, wie man ihn von Monteverdis Opern kennt. Jetzt gab es das Spektakel zur Premiere der Schwetzinger Festspiele. Die Sache ist bunt, das Libretto dramaturgisch geschickt. Auf eine
triumphierende Arie folgt ein Liebesduett, auf eine Arie der Trauer ein tänzerisches Ritornell. Die Geschichte ist kompliziert: Byzanz Kaiserin Arianna ist verwitwet, verliebt sich in Anastasio, krönt ihn zum Regenten. Hörig sind sie einander, verfallen. Doch nicht einmal eine ungestörte Hochzeitsnacht ist ihnen gegönnt: Tyrann Vitaliano will sich selber die Kaiserin und damit den Thron krallen: Krieg. Der Kaiser geschlagen, die Kaiserin gefangen. Doch da gibts den Bauer Giustino. Der will lieber Heldentaten
statt Kohlköpfe sammeln. Er rettet Byzanz und verliebt sich in des Kaisers Schwester Eufemia. Natürlich gibts auch hier wieder einen Nebenbuhler - den Bruder des Tyrannen. Zum guten Ende wird Giustino zum Mitregenten ernannt. Giustinos Entwicklung vom Bauer zur Kampfmaschine und, was interessanter ist, zum Liebenden ist das Thema der Oper. Nikolas Brieger hat sie im Rokokotheater inszeniert. Schwarze Bühne (Katrin Nottrodt), an deren Ende auf halber Höhe ein großer stählerner Kasten, der sich mit Drehtüren blitzschnell
von einem goldglänzenden Gemach in ein düsteres militärisches Monster verwandeln kann. Die Barock-Oper verlangt solche Szenenwechsel innerhalb kürzester Zeit. Brieger setzt ganz auf fein ausgeklügelte Personenregie in dem faszinierenden Bühnenraum. Die Kostüme (Jorge Jara) siedeln das Ganze in einem mythischen Irgendwo an: Soldaten in Rüstungen die aus dem "Krieg der Sterne" zu kommen scheinen und gleichzeitig aus asiatischen Reiterheeren. Die edlen Gewänder am Hofe mit viel Krinolinen, die Herrscher
ganz in Gold. Spannung pur auf der Szene. Noch mehr auf der musikalischen Seite. Thomas Hengelbrock musste eine Spielpartitur erstellen, um das Werk mit seinem Balthasar-Neumann-Ensemble einzustudieren. Die Oper ist in drei unvollständigen Kopien überliefert. Weitgehend nur Singstimmen und Generalbass. Es galt also zu instrumentieren. Das gelang absolut überzeugend: Je doppelt besetzte Streicher, dazu historische Saiteninstrumente wie Gambe, Lirone, Theorbe, Harfe, zwei Flöten, eine Trompete sowie die Tasteninstrumente
Cembalo, Orgel und Regal. Hengelbrock macht draus ein ungeheuer farbige Sache, lässt klar phrasieren und setzt auf schnelle Tempowechsel. Dazu gab's ein exquisites Sängerensemble. Herausragend Elisabeth Kulman in der Titelrolle. Den schmierigen Andronico gab mühelos der junge Countertenor Terry Wey. Bariton Georg Nigl und Cornelia Ptassek, die nur zu Beginn ein wenig intonationsunsicher wirkte, sangen ein glanzvolles Herrscherpaar. Auch das restliche
Ensemble sang auf großartigem Niveau. Jubel für einen fulminanten Festspielauftakt.
Thomas Rothkegel - HEIDENHEIMER ZEITUNG - 28. April 2007

Und die Sänger tragen diese Musizierlust lustvoll mit, vor allem mit einer ganz sublimen Ornamentierungstechnik. Hervorgehoben seien besonders Elisabeth Kulmans vielschichtiger, vor allem aber ganz inniger Giustino, die geschmackvolle Eufemia Delphine Galous und der mustergültige Counter von Terry Wey, der kein Forcieren notwendig hat.
Alexander Dick - BADISCHE ZEITUNG - 28. April 2007

Elisabeth Kulman verkörpert den als Samurai gekleideten Titelhelden als Hosenrolle mit charakteristischen eckigen Bewegungen. Ihre tragende, in allen Lagen gleichmäßig durchgeformte Stimme vereint Strahlkraft mit Wärme und Geschmeidigkeit. Ideale Voraussetzungen für eine Partie, die ursprünglich für einen Kastraten komponiert wurde.
Martina Wohlthat - NEUE ZÜRCHER ZEITUNG - 30. April 2007

Die Kraftprobe eines Waldwesens
Vielleicht ist alles nur ein Traum: Giustino singt und sehnt den Schlaf herbei.
Da erscheint ihm Fortuna, scheucht ihn gehörig auf, verspricht ihm Reiche und
Schätze. Und tatsächlich: Giustino, der Bauer, wird zum wackeren Kämpfer an der
Seite des Kaisers Anastasio, und später sogar selbst zum Kaiser gekrönt. Georg
Friedrich Händel hat den Stoff einer seiner Opern zugrunde gelegt, doch jenes
Melodramma "Il Giustino", mit dem jetzt die Schwetzinger Festspiele eröffnet
wurden, stammt von einem anderen, dem heute nahezu vergessenen Komponisten
Giovanni Legrenzi.
Mehr als 300 Jahre ist Legrenzis "Il Giustino" in seiner venezianischen
Erstfassung aus dem Jahr 1683 nicht mehr aufgeführt worden. Der Dirigent und
Musikwissenschaftler Thomas Hengelbrock sorgte neben der musikalischen Leitung
auch für eine kritische Neuausgabe der Oper. Das Publikum im italienischen
Barock dürfte an dem Stück vor allem die Opulenz geschätzt haben, mit der
seinerzeit, etwa bei den Kämpfen des Titelhelden mit Waldschraten und
Ungeheuern, die Bühnenmaschinerie in Bewegung geriet.
Auf zündende theatralische Effekte mochte auch Nicolas Brieger in seiner
Schwetzinger Inszenierung, einer Koproduktion mit dem Grand Théatre de
Luxembourg, nicht verzichten: Schon anfangs, am Hof des Kaisers Anastasio und
der Kaiserin Arianna, knallt es gewaltig. Scherben bedecken fortan die Bühne, in
deren Hintergrund Ausstatterin Katrin Nottrodt einen variablen Rahmen errichtet
hat. Im dritten Akt verlängern und vervielfachen sich diese Szenen nach hinten -
die Intrigen haben ihren kaum noch zu durchschauenden Höhepunkt erreicht.
Dabei bleibt die Bühne zugleich offen genug, um die fast filmschnittartigen
Szenenwechsel des Librettos von Nicoló Beregan schnell abzuspielen. Überhaupt
geht es in jeder Hinsicht rasant zu in dieser mit leichten Kürzungen gegebenen
Oper. Nicht weniger als 81 Arien enthält sie, doch sind dies keine weit
ausladenden Innenschauen, wie man sie etwa aus den Opern Händels kennt, sondern
oft nur minutenlange Bekenntnisse.
Je höher der Rang einer Person, desto mehr Arien werden ihr zugestanden:
Entsprechend stark ist Georg Nigl als Kaiser Anastasio gefordert, ein
viril-markanter Bariton, neben dem Cornelia Ptassek als Kaiserin Arianna kaum
mehr als durch solide vokale Gestaltung glänzen kann. Höchst ausdrucksstarke
Leistung innerhalb des zehnköpfigen Solisten-Ensembles bieten Countertenor Terry
Wey (Andronico), vor allem aber Mezzosopranistin Elisabeth Kulman in der
Titelpartie des Giustino.
Dass die erste Kraftprobe dieses eben durchaus feminin gehaltenen Giustino
darin besteht, ein wild gewordenes Waldwesen von seinem üppigen Phallus zu
trennen, sorgt in Schwetzingen weniger für Aufregung als für Amüsement. Denn
insgesamt ist Nicolas Brieger eine anschaulich nacherzählende
Für-jeden-etwas-Inszenierung gelungen, mit Licht- und Verkleidungseffekten, auch
mit poetisch bewegten Bildern und einem Spiel, das bisweilen bis in den
Zuschauerraum hinein reicht.
Axel Zibulski - WIESBADENER KURIER - 28. April 2007

... nur übertroffen von Elisabeth Kulman, die mit einem beneidenswert ausgeglichenen Mezzo der Titelrolle viel Strahlkraft verlieh.
Bernhard Drobig - CONCERTO - Juni/Juli 2007

Bei der Hochzeit platzt die Bombe
Es gibt Opern, deren Handlung in allen Verästelungen man besser gar nicht erst zu verstehen versucht. Giovanni Legrenzis "Il Giustino", 1683 in Venedig entstanden, gehört zu dazu. Das Stück spielt in Byzanz. Eingangs heiraten Kaiser Anastasio und Kaiserin Arianna. Im Schwetzinger Rokokotheater ziehen sie, goldgewichtig beschleppt, durch das Auditorium auf die karge Bühne. Als das Fest gerade auf Touren kommt, platzt, tatsächlich, eine Bombe. Glassplitterartige Plastikchips bedecken fortan die Bühne.
Vitaliano und Polimante drohen mit Krieg. Daneben versuchen Andronico und Eufemia, sich zu lieben, flankiert von weiteren Handlangern und Komparsen, und schließlich den Bauern Giustino, der in Samurai-Manier kämpft und siegt und das Reich rettet. Ein echter Aufsteiger! Bevor er sich heillos in die laufenden Intrigen verstrickt, schaffen Nicoló Beregan (Libretto) und der Komponist das Happy End. Das ergibt drei Stunden (mit Strichen) beste Unterhaltung, weil Legrenzis Ideen nur so sprudeln und er stets der Versuchung
entgeht, ihre Substanz zu überstrapazieren. Kurze, aber viele Rezitative, kurze, aber viele Arien, ständiger Wechsel der Affekte und Leidenschaften und, dank der Einrichtung Thomas Hengelbrocks, der Orchesterklangfarben. Besonders das vielfältige Continuo (Cembali, Orgel, Regal, Harfe, Theorben und Barockgitarren) beleuchtet die schwankenden Seelenzustände des Personals; manche Tanzszene und Arie wird sogar jazzig, mit pizzicato-Bass und Gitarrenspiel aufgepeppt. Das Balthasar-Neumann-Ensemble spielt in Hochform
– Barock kann ganz schön munter sein! Nicolas Briegers Inszenierung vertraut dem Stück. Bei ihm stehen die Personen im Zentrum. Der Witz der kargen Bühne (Katrin Nottrodt) besteht in einem Podest, das aus der schwarzen Rückwand herausgefahren und vielseitig genutzt werden kann: als Kampf- und Präsentationsfläche, als Drohkulisse, Versteck und Rahmen für den Blick in die düstere Weite des Hinterlandes. Jorge Jaras Kostüme geben den Personen Kontur – hier majestätisch, dort ritterähnlich oder auch harlekinesk.
Alles also ist bereitet, um die großartig singenden Darsteller zu unterstützen: Cornelia Plasseks selbstsicher fokussierte Arianna, den leicht flatterhaften Bariton Georg Nigl (Anastasio), den standfesten, wunderbar ausgeglichenen Alt Elisabeth Kulmans (in der Titelpartie), Delphine Galous geheimnisvoll
dunkel timbrierte Eufemia, den kernigen Counter von Peter Kennel (Vitaliano) und, überragend, die herrlich geschmeidige Altus-Stimme von Terry Wey (Andronico), bei der man – unterstützt durch die bigotte Kostümierung – bis zuletzt das Geschlecht nicht errät. In dieser Art und Form ist "Il Giustino" etwas fürs Repertoire – wenn das Drumherum entspannt genug ist wie in Schwetzingens aufblühenden Garten- und Schlossanlagen. Andreas
Bomba - FRANKFURTER NEUE PRESSE - 27. April 2007

Das jugendliche Sängerensemble beeindruckte überwiegend mit starken Leistungen, zuerst sei hier die herausragende Interpretation der Titelfigur durch Elisabeth Kulman genannt. Die Mezzosopranistin gestaltete die Partie des vom einfachen Ackerbauern zum Feldherrn und späteren Kaiser aufstrebenden Helden mit außerordentlicher Bravur, einer enorm nuancenreichen Timbrierung
und traumwandlerisch sicher sitzender Stimme.
W. Borchers - DAS OPERNGLAS - Juni 2007

Vom Schlachtfeld der Begierden
Triumphale Wiederentdeckung: Legrenzis "Il Giustino" zur Eröffnung der Schwetzinger Festspiele
Die Geschichte des Bauern Giustino, der zum Kaiser wird, hat viele Komponisten zur Vertonung gereizt. Zu ihnen gehört auch Händel, dessen
Oper ansprechend bei den Karlsruher Händelfestspielen (die PZ berichtete)
aufgeführt wurde. Zur Eröffnung der Schwetzinger Festspiele dirigierte jetzt
Thomas Hengelbrock nach über 300 -jähriger Vergessenheit Giovanni Legrenzis „Il
Giustino“ (als Koproduktion mit dem Grand Théatre de Luxembourg) in einer von
ihm selbst vorgelegten modernen Edition. Historische
Instrumente Die Wiederentdeckung der 1683 in Venedig äußerst
erfolgreich uraufgeführten Barockoper wurde zu einem Triumph für Hengelbrock und
sein auf historischen Instrumenten musizierendes Balthasar-Neumann-Ensemble. Der
bis in die Nebenrollen kongenialen Sängeriege, aber auch der
intelligent-kurzweiligen Inszenierung von Nicolas Brieger gelingt es, das
barocke Maschinentheater in die Gegenwart hinüber zu transformieren, ohne sich
in modischer Zeitverlegung zu verlieren. Katrin Nottrodt hat im dafür eine
dunkel gehaltene Bühne mit einer bedrohlich wirkenden metallenen
Klappenkonstruktion geschaffen, auf der Brieger das Kriegsgeschehen in einer an
asiatischen Kampfilmen erinnernden Ästhetik ablaufen lässt. Doch gibt es im
Schwetzinger Rokokotheater auch Raum für wunderbar poetische Bilder, wie die
eines dahintreibenden Segelbootes. Liebe und Gewalt, Macht und ihre
korrumpierende Wirkung, gefeierter Heldenmut und der schnelle Fall: "Il
Giustino" bietet der Inszenierung Stoff für einen packenden Theaterabend.
Brieger denunziert die Figuren in ihrer affektgeladenen Eindimensionalität
nicht, auch nicht den als einen etwas grob gestrickten Samurai-Krieger
gezeichneten Titelhelden (Kostüme Jorge Jara). Dieser Giustino rettet
zuerst Eufemia, die Schwester des byzantinischen Kaiser vor einem Wilden, dem er
den erigierten Penis ausreißt. Später schützt er Ariana, die Gattin des Kaisers
Anastasio vor einem Ungeheuer und den Kaiser vor dem Tyrannen Vitaliano, der ihm
die Frau (und das Reich) wegnehmen will. Da soviel Kriegsglück eines Bauern, der
sich später durch das barocktypische Eingreifen eines Deux-ex-Machina als von
adligem Geblüt entpuppt, den Neid des Generals Amantio hervorruft, wird Giustino
Opfer einer Intrige, die ihn einer Liebschaft mit der Kaiserin
verdächtigt. Doch dank Giustinos spät erkanntem Bruder Vitaliano, wird
der Usurpator Amantio überwältigt, das Kaiserpaar befreit, Giustino mit Eufemia
vermählt und zum Herrscher gemacht. In diesem Reigen um Macht und (un)erwiderte
sexuelle Begierden reiht sich auch Andronico, ein Bruder Vitalianos ein: Er ist
in Eufemia verliebt und schleicht sich als Frau verkleidet in ihre Umgebung ein.
Als Eufemia seinen Begierden nicht nachgibt, versucht er sie mit Gewalt zu
nehmen, was Giustino verhindert. Dank der singdarstellerischen Kompetenz des
Ensembles und Briegers kluger Figurenführung wird dieser filmschnittartige Plot
zu einer die Zuschauer fesselnde Festspieleröffnung. Die Mezzosopranistin
Elisabeth Kulman verleiht der Titelfigur eine Mischung aus Heldenmut und
Naivität, Cornelia Ptassek singt die Kaiserin mit leuchtend-intensiven
Soprantönen, Delphine Galous Eufemia schwelgt in Liebesklagen ob des störrischen
Giustino. Mit schlankem-substanzreichen Bariton porträtiert Georg Nigl den
Kaiser Anastasio, Peter Kennels leicht rauer Countertenor passt perfekt zum
verliebten Tyrannen Vitaliano, Terry Wey sehr feminin-weicher Countertenor ist
ideal für Andronico, während Hermann Oswald mit gehärtetem Tenor den Intriganten
Amantio singt. Überwältigender Dirigent Thomas Hengelbrock
unterstreicht mit dieser Legrenzi-Premiere seine Kompetenz in Sachen Barockoper.
Auf der Grundlage genauer Kenntnis der Aufführungspraxis der venezianischen
Opernhäuser zu Legrenzis Zeit nimmt er sich die den historischen Rahmen
sprengende Freiheit in Fragen der Besetzung oder der Instrumentierung. Legrenzis
Orchester ist weniger streicherbestimmt als beispielsweise Händels,
klangfarbliche Effekte der Bläser oder der Continuogruppe werden von Hengelbrock
immer wieder überraschend eingesetzt. Die rhythmische Ausformung der vielen
tänzerisch bestimmten Passagen der Partitur werden zu einem ungetrübten
Hörvergnügen.
Thomas Weiss - PFORZHEIMER ZEITUNG - 27. April 2007

Glänzend aber die wie ein Samurai-Krieger kostümierte Altistin Elisabeth Kulman in der Soprankastratenpartie des Giustino, die sich mit großem Elan erst aufs Kriegs-, dann aber aufs Liebesglück warf und in beiden Affekten mit stimmlichem Wohllaut glänzte.
Uwe Schweikert - OPERNWELT - Juli 2007

Handfester Krach im Kaiserhaus
Vom Bauernsohn zum oströmischen Kaiser brachte es in der Spätantike Justin I., der Onkel des byzantinischen Herrschers Justinian. Ganz so märchenhaft wie der kometenhafte Aufstieg des Titelhelden in Giovanni Legrenzis Oper "Il Giustino", die 1683 in Venedig uraufgeführt wurde, ist die Karriere des echten Justin freilich nicht verlaufen. In Nicolò Beregans Libretto dienen historische Ereignisse lediglich als Folie für tragische Verstrickungen im Spannungsfeld zwischen politischer Macht und Liebesbeziehungen.
Die Welt sei ungerecht, klagt dort der Bauer Giustino bei der Schufterei auf dem Feld. Unwürdige Nieten kämen auf den Thron, während königliche Seelen in Wäldern geboren würden. Da er sich selbst für so eine königliche Seele hält, beschließt er, den Pflug gegen ein Schwert einzutauschen und als selbst ernannter loyaler Elitesoldat des Kaisers Anastasio Karriere zu machen. Als Ritter ohne Furcht und Tadel zieht er von Sieg zu Sieg, hält sich aber fern von höfischer Dekadenz und bleibt zunächst wie Jung-Siegfried
auch immun gegenüber Verlockungen der Liebe.
In Nicolas Briegers Inszenierung von Giovanni Legrenzis "Giustino", mit der
jetzt die Schwetzinger Festspiele im Rokokotheater eröffnet worden sind, mutiert
Elisabeth Kulman in dieser Rolle stimmlich standhaft vom braven ostasiatischen
Landarbeiter zum kampfmaschinenhaften Samurai, erledigt ganze Armeen im
Alleingang (verfremdende Zeitlupe beugt hier optischer Peinlichkeit vor), doch
die eigentlichen Bewährungsproben stehen noch bevor. Neid und Intrigen bringen
den arglosen Helden zu Fall, der erst in aussichtsloser Lage seine Emotionen
entdeckt. Kulman gibt ihnen mit herbem Timbre berührenden Ausdruck.
Auch für die
anderen Solisten hält die prachtvoll farbig instrumentierte Partitur jede Menge
vokaler Perlen bereit, die verständlich machen, dass diese Oper einst in ganz
Europa erfolgreich war. Kantabel fließende Melodik, expressive Arien,
choralartig schlichte Canzonen von fast schon händelscher Anmut und
herzerweichende Duette, in denen sich die Singstimmen süß verschlingen, stehen
hier zwischen trompetenbewehrtem Kriegsgeschmetter, wilden Sturmmusiken und
wirbelnden Karnevalstänzen, wobei im Laufe von drei Stunden manche Abschnitte
mitunter auch etwas ermüden.
Nicht immer gerät die Musik so theatralisch tremolierend aus den Fugen wie beim handfesten Ehekrach des Kaiserpaars, wonach ein von schnarrenden Regalkängen begleiteter Deus ex machina die Achterbahn von Gefühlen und Machtverhältnissen überraschend beendet und allgemeines Verzeihen den Weg freimacht zum sektkorkenknallenden Happy End, bei dem es auch der Dirigent Thomas Hengelbrock und das Balthasar-Neumann-Ensemble im Orchestergraben noch mal richtig krachen lassen.
Dunkle Mauern und kalte Metallgerüste auf der Bühne
(Katrin Nottrodt) schaffen eine düstere Atmosphäre, die vom bunten Mix der
Kostüme (Jorge Jara) wirkungsvoll kontrastiert wird. Georg Nigl mit
kernig-stählernem Bariton (Anastasio), Cornelia Ptassek als nuancenreich präsent
singende Arianna, Delphine Galou als mit mehreren Liebhabern gleichzeitig
spielende Eufemia, Hermann Oswald als machtgeiler General, Manfred Bittner als
bassmächtiger Hauptmann, Thomas Stache als witziger Hanswurst, dessen derbe
Späße Tragik entlasten, Marina Bartoli als Glücksgöttin und vor allem der junge,
szenisch und vokal sensationell zwischen den Geschlechtern travestierende
Countertenor Terry Wey (Andronico) machen die Schwetzinger Aufführung zu einem
wahren Stimmfest, das Legrenzi nachgerade als einen Puccini des Barock
erscheinen lässt.“ Werner Müller-Grimmel - STUTTGARTER ZEITUNG - 28. April 2007

Stilistisch mustergültig auch die noch recht jungen Sänger, allen voran Elisabeth Kulman in der Titelpartie. So schön kann eine Ausgrabung nach 324 Jahren musikalischem Tiefschlaf also sein.
Sigird Feeser - BADISCHES TAGBLATT - 28. April 2007

Die Titelpartie singt Elisabeth Kulman mit hohem, klaren Sopran, perlenden Koloraturen und überzeugender Einfühlung in die (ursprünglich für einen Counter gedachte) Hosenrolle.
Britta Steiner-Rinneberg - GIESSENER ALLGEMEINE - 3.5.2007

Im Venedig des späten 17. Jahrhunderts besuchten die Menschen – so berichten es jedenfalls Zeitzeugen – Opernaufführungen auch, um ein Spektakel zu erleben, dass mit bizarren Bühneneffekten aufwarten konnte. Und man wollte sich von den Sängerinnen und Sängern begeistern lassen. Die Komponisten in der Nachfolge von Monteverdi schrieben vor allem in und für die Karnevalszeit auch häufig Auftragswerke, die nur selten anderswo als am Ort der Uraufführung nochmals zur Aufführung
gelangten und in Vergessenheit gerieten. Auch "Il Giustino" des Giovanni Legrenzi (1626 – 1690) teilt dieses Schicksal weitgehend. Wohl kam es nach der Ertaufführung in Venedig im Jänner 1683 noch zu Aufführungen in ganz Italien (für eine Serie in Neapel bearbeitete Alessandro Scarlatti das Werk), doch seit dem Ende des 17. Jahrhunderts verschwand die Oper bis heute.
Thomas Hengelbrock hat "Il Giustino" auf Basis der venezianischen Originalpartitur für die Schwetzinger Festspiele eingerichtet. Eingerichtet deshalb, weil der barocken Tradition entsprechend weite Teile der Partitur nicht heutigen Bedürfnissen entsprechen, weil die Musiker vor 350 Jahren ja die Erfahrung hatten, was wann wie gespielt werden musste und angedeutete Notierungen ausreichend waren. Und selbst die Orchesterbesetzung muss teils aus der Kenntnis zeitgenössischer Kompositionen abgeleitet werden.
Was also in Schwetzingen erklingt, hat seinerzeit in Venedig nicht unbedingt gleich geklungen.
Sicher eigenständig ist die Inszenierung von Nicolas Brieger, der bewusst auf eine Historisierung verzichtet ohne aber in aufgesetzte Moderne zu verfallen. An das barocke Theater anspielende Spektakel wechseln mit an Kabuki-Theater erinnernde Szenen, auf alt ausgerichtete Kostüme werden durch 30er-Jahre Stil ergänzt. Immer bleibt ein Hauch von Ironie und irgendwie ist alles logisch, ohne echte Brüche.
Hengelbrock hat sich für diese Produktion ein junges Ensemble geholt, das die schwierige Aufgabe mit Bravour meistert. In der Titelrolle brilliert Elisabeth Kulman (die hier vor zwei Jahren in Scarlattis "Telemaco" begeistert hat) und beweist einmal mehr, welch hervorragende Sängerin sie ist. Sowohl in der szenischen wie der stimmlichen Umsetzung stimmt einfach alles. Der Jubel am Ende der Vorstellungen war mehr als berechtigt. Das gilt auch für
Georg Nigl als Kaiser Anastasio, der glaubwürdig vom erheirateten Kaiser zum Despoten mutiert, um dann doch das Gute im Menschen zu zeigen. Auch er zeigt im für ihn nicht alltäglichen Fach – Nigl feiert Erfolge mit Musik des 20. Jahrhunderts – eine mehr als respektable Leistung. Seine Gattin Arianna singt und spielt Cornelia Ptassek mit großem Engagement, Delphine Galou ist eine sehens- und hörenswerte Eufemia, Peter Kennel gibt einen fiesen Vitaliano. Ein Gustostück ist Terry Wey als Andronico bzw. in der Verkleidung
als Flavia. Selten habe ich einen Countertenor so perfekt in Rollen passend erlebt. In kleineren Partien und dennoch auf gutem Niveau sangen Hermann Oswald, Manfred Bittner, Thomas Stache und Marina Bartoli.
In minimaler Besetzung spielte das Balthasar-Neumann-Ensemble in kleiner Besetzung (nur 2 Violinen und 2 Viola, 1 Cello) auf den passenden Instrumenten der Zeit (Regal, Theorbe, Gambe, uä.). Thomas Hengelbrock als Dirigent bewies einmal mehr, dass er im Bereich der alten Musik einer der wesentlichen Musiker ist.
Bleibt eine Hoffnung (oder ein Wunsch), dass der Mitschnitt vielleicht als CD veröffentlicht wird.
Michael Koling - YAHOO GROUP FORUM_OPER - 2. Mai 2007

Lo asseconda nel gioco scenico un buon cast di interpreti che trova i suoi punti die forza nell'espressivo e preciso Giustino di Elisabeth Kulman, nel brillante contraltista "en travesti" Terry Wey come Andronico/Flavia, e nella sensuale Eufemia di Delphine Galou.
Stefano Nardelli - GIORNALEDELLAMUSICA.IT - 2. Mai 2007
Accompanying this scenic interplay is a fine cast the strong points of which lie in the expressive and precise power of Elisabeth Kulman's Giustino, the brilliant en travesti male alto Terrry Wey as Andronico/Flavia, and the sensual Eufemia played by Delphine Galou.
(Translation by Alexander Martin, Giordnaledellamusica)
Übersetzung:
Dieses szenische Wechselspiel wird durch eine kluge Besetzung der Solisten ermöglicht, deren stärkste Zentren in der expressiven und präzisen Kraft von Elisabeth Kulmans Giustino, dem brillanten Altisten Terrry Wey in der Travestierolle Andronico/Flavia und der der sinnlichen Eufemia von Delphine Galou liegen.

... die singdarstellerisch brillante Mezzosopranistin Elisabeth Kulman ...
Dietholf Zerweck - LUDWIGSBURGER KREISZEITUNG - 28. April 2007

Voor een aangename verrassing zorgde de mezzo Elisabeth Kulman als Giustino, die het van boer tot keizer schopte.
W.V. - OPERA GAZET - 3. Mai 2007
Für eine angenehme Überraschung sorgte die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman als Giustino, die es vom Bauern zum Kaiser schaffte.
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