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Pressestimmen
Heißer Hermann, zähe Szene
Aufzählung Etwas langatmig, die "Pique Dame" in der Wiener Staatsoper. Wie kommt es, dass sich das spannende Werk so zäh dahinschleppt?
Zum Teil ist das Vera Nemirova anzulasten, in deren Inszenierung zwar die Handlung en gros nachvollziehbar bleibt, durch die zeitliche Versetzung in einen schon wieder endzeitlich-dekadent anmutenden Postkommunismus (morbide: Johannes Leiackers Bühnenbild) en detail aber auch behindert wird.
Problematischer als die Regie erwies sich jedoch, dass etliche Partien unterbesetzt waren. Wenn Boaz Daniel, trotz fest sitzender, aber farbloser Stimme dem Jeletzki vor allem Unauffälligkeit verleiht, wird die Story unglaubwürdig, denn wen wundert’s, wenn Lisa diesem blassen Fürstchen den heißblütigen Hermann vorzieht?
Markante Baritone schienen überhaupt Mangelware, denn der hörbar in die Jahre gekommene Albert Dohmen blieb als Tomski leider ebenso blass. Dafür stellte Neil Shicoff (trotz eigenwilliger Diktion des Russischen) nicht nur einen getriebenen Hermann auf die Bühne, nein, obendrein sang er auch noch prachtvoll, kostete jede Phrase und jeden höheren Ton expressiv aus. Seiner jugendlich-frischen, ansprechenden Lisa (Martina Serafin) wünschte man bloß etwas weniger Schärfe in der oberen Lage. Anja Silja brachte für
die Gräfin von der Noblesse bis zur Laszivität alle darstellerischen Attribute mit. Aus dem übrigen Ensemble stach vor allem die ausgezeichnete Polina der Elisabeth Kulman hervor, aber auch Goran Simic (Surin) und Clemens Unterreiner (Festordner) bereicherten die Szene.
Seiji Ozawa hatte Chöre und Orchester zumeist recht gut unter Kontrolle; dass über manche Strecken die Spannung nicht recht halten mochte, lag auch am immer wieder erlahmenden Enthusiasmus aus dem Orchestergraben, wo man es anscheinend streckenweise bei bravem Dienstschieben bewenden ließ.
Der ungehörige Wunsch nach Strichen drängte sich auf ... Doch was kann Tschaikowski dafür?
Markus Hennerfeind - WIENER ZEITUNG - 2. Oktober 2008

Quel bonheur que cette partition ! Le don mélodique infini de Tchaïkovski, combiné à son talent pour créer des atmosphères musicales en clair-obscur, dans lesquelles les violoncelles et les bois sont fréquemment au premier plan, est une source inépuisable de plaisir. Sous la baguette attentive d’Ozawa, la partition se pare en outre d’une légèreté aérienne particulièrement savoureuse.
Si on fatigue un peu devant l’intensité erratique d’un Neil Shicoff qui a la subtilité d’un hippopotame (et la mémoire d’un moineau, à en juger par la quantité d’interventions du souffleur), on est en revanche assez convaincu par le reste de la distribution, qui est riche en belles voix d’hommes, parmi lesquelles se distinguent (on ne se refait pas) les deux très beaux barytons. Mais les femmes ne sont pas en reste, et on doit avouer un faible pour la délicieuse
Elisabeth Kulman, qui brille brièvement mais intensément dans le charmant air de Polina vers le début du deuxième acte.
La mise en scène de Vera Nemirova est une insulte à l’intelligence et au bon goût et elle serait de nature à faire sortir de ses gonds tout spectateur normalement constitué s’il n’y avait, heureusement, l’enchantement permanent de la musique de Tchaïkovski pour s’élever vers les sphères sublimes d’un plaisir musical sans borne.
BLOG.PARISBROADWAY.COM - Oktober 2008
Übersetzung: Aber auch die Damen bleiben nichts schuldig, und ich muss meine Schwäche für die wunderbare Elisabeth Kulman gestehen, die kurz aber intensiv in der charmanten Arie der Polina zu Beginn des zweiten Aktes brilliert.

Alle Macht dem Rubel!
Russland erlebt heuer nicht nur bei der Fußball-EM einen Erfolg nach dem anderen: Mit Tschaikowskis "Pique Dame" wird ein russischer Opernklassiker an der Staatsoper erneut gegenwärtig.
Puschkins Spieler-Epos feierte vergangenen Oktober in Vera Nemirovas größtenteils bewegenden Bildern seine Rückkehr ins Haus am Ring. Man hat sich an die post-kommunistische, dekadente Russendisco mittlerweile gewöhnt – die zwischen Sozialkritik, Klamauk und Geschmacklosigkeiten changiert.
Auch die siebente Aufführung bot einige Überraschungen: Marian Talaba hatte schon in der seinerzeitigen Generalprobe Neil Shicoff als Hermann würdig vertreten, aktuell ersetzte er abermals den erkrankten Publikumsliebling. Talabas ausdrucksvolles Russisch erfreute nicht nur eine beachtliche Anzahl russischer Gäste. Immerhin war mit dem ukrainischen Tenor endlich ein fast "echter" Newa-Bürger als Wahnsinniger zwischen Sucht und Liebe zu erleben. Packend gestaltete er die Liebesszenen mit Martina Serafin,
gewohnt souverän als Lisa mit kraftvollem Sopran, in den Höhen manchmal plakativ.
Gleichfalls überzeugen konnten Rollendebütantin Elisabeth Kulman (hervorragende Polina!), der ernsthaft gekränkte Boaz Daniel (Fürst Jeletzki) und natürlich die Grande Dame des Abends, Anja Silja.
Mit Hausdebütant Andris Nelsons stand statt Maestro Ozawa eine weitere Überraschung am Pult. Nicht nur, dass er sich wacker mit einem zeitweilig schräg intonierenden Staatsopernchor und dem offenbar indisponierten (Bläser-)Ensemble herumschlug. Er offenbarte mit großen Gesten à la Mariss Jansons auch kleine, gefühlvolle Nuancen. Kein Wunder, schließlich ist der 30-jährige Dirigent Privatschüler seines lettischen Landsmannes.
Daniel Wagner - WIENER ZEITUNG - 24. Juni 2008

Junger Maestro macht Alltag zur Premiere
Das Sensationsdebüt von Andris Nelsons in der Wiener Staatsoper. Eine Kritik von Karl Löbl. StaatsoperHochspannung in der Wiener Staatsoper: Ein neuer Dirigent macht bei „Pique Dame“ den Alltag zur Premiere.
Debüt
Schon nach ein paar Minuten war klar: Das wird keine normale Repertoirevorstellung. Andris Nelsons (30) kommt aus Riga, war dort Trompeter in der Oper, auch Sänger, studierte dann bei Mariss Jansons in Petersburg. Mit 25 war Nelsons Musikchef der Lettischen Nationaloper, ab Herbst ist er Chefdirigent in Birmingham. Jetzt debütierte er in der Wiener Staatsoper mit Tschaikowskys Pique Dame als Einspringer für Ozawa.
Nelsons hat eine gleichsam sprechende Schlagtechnik. Er formt musikalische Phrasen, suggeriert Nuancen, hält Orchester und Bühne zusammen und in steter Spannung, modelliert zuweilen Ensembles, ist einen ganzen Abend lang auch körperlich im Totaleinsatz. Man spürt und hört, dass Musik seine Leidenschaft ist. Als Dirigent ist er Partner der Solisten, des Chores, des Orchesters, das sich nach nur einer Probe von Nelsons’ Spannung und Detailverliebtheit anstecken ließ.
Bestform
Auf der Bühne ein Ensemble in Bestform (Elisabeth Kulman, Laura Tatulescu, die Herren Dohmen, Daniel, Jelosits, Simic). Martina Serafin ist als Lisa stimmlich doch etwa zu hart und scharf, Anja Silja (Gräfin) grandios in Ausdruck, Nuancierung und Szenendominanz.
Neu Marian Talaba (der im Herbst statt Shicoff die Generalprobe gesungen hatte) als Hermann. Er spielt den Außenseiter, der sein Glück erzwingen will, mit einer großen Natürlichkeit, mit Intensität und ohne die aufdringliche Nervosität seines Rollenvorgängers, dem er stimmlich und in der Textdeutlichkeit überlegen ist.
Ein Staatsopernabend mit Premierenniveau
Dass dies im Alltag möglich ist, macht der Direktion Ehre. Das Publikum schien zu spüren, dass sich Besonderes ereignete.
Karl Löbl - ÖSTERREICH - 24. Juni 2008

Durch die Erkrankung von Seiji Ozawa kam es zum vorgezogenen Staatsoperndebüt (für die nächste Saison war es eingeplant) von Andris Nelsons. Man hörte schon etwas von dem begabten, erst 30-jährigen Dirigenten aus Riga, und tatsächlich, man gewann sehr schnell einen äußerst positiven Eindruck von ihm. Bereits das Vorspiel baut er sehr durchdacht auf, wie er die einzelnen Teile im Tempo und in der Lautstärke differenzierte und gleichsam zu einem schönen Haus gestaltete. Im
Verlauf des Abends zeigt sich ein dramatisches Drängen, aber dennoch vernünftig gezügelt. Es gibt bei ihm kein Aufgehen im Gefühl, selbst beim Schäferspiel nicht. Es ist eher ein Zug hinein in die Katastrophe. Einzig die Lautstärke hätte manchmal etwas mehr gedämpft werden können. Offensichtlich fand er auf Anhieb einen besten Kontakt zu den Philharmonikern, denn diese spielen völlig konzentriert und scheinen in bester Harmonie mit ihm zu sein. Es war wohl Sympathie auf den ersten Ton. Er ist aber auch zu den
Sängern fürsorglich, er ist sehr exakt. Kurzum, ein mehr als erfreuliches Debüt, mit der Hoffnung auf Fortsetzung.
Durch Shicoffs Absage kam Marian Talaba zum Hermann. Die Skepsis mancher Fans, dass ein Ensemble-Mitglied diese Rolle singen soll, fegte er buchstäblich hinweg. Da er die Proben vor der Premiere mitmachte, gibt es in der Darstellung natürlich Ähnlichkeiten zu Shicoff. Sein Timbre ist recht hell. Der Hermann ist fast nur in der oberen Lage komponiert, und darum kommt seine, noch sehr jung klingende Stimme, ausgezeichnet zur Geltung. Seine Mittellage ist weniger ergiebig, wenn er sich die richtigen Rollen auswählt,
kann er sicher eine gute Karriere machen. Immerhin bekam er viele Bravos.
Im einzigen Duett Hermann/Lisa gibt es nur anfänglich ein paar Worte der Liebe, dann geht es bei ihm nur um das Glücksspiel, bei ihr kommt die Verzweiflung. So singen sie nebeneinander her. Trotz der Einwände, die manche wegen ihres Familiennamens und ihrem Vater haben, Martina Serafin/Lisa braucht keine Nachsicht. Sie bringt den vollen Einsatz, sie hat die Dramatik der Verzweiflung, alles, was die Rolle verlangt. Sie singt auch sehr schön. Ein Detail am Rand (mit Shicoff zeigte sich das natürlich nicht):
im Verein mit Talaba klingt ihr Timbre bereits deutlich reifer (schon nach Marschallin), obwohl sie noch jung ist. Bei ihm klingt die Stimme noch richtig jung.
Anja Silja ist als Gräfin wirklich eine „Grande Dame“ der Opernbühne; Albert Dohmen ist als Tomski und Pluto diesmal gut bei Stimme und im Spiel; Boaz Daniel/Jeletzki nützt seine Chance mit seiner Paradearie; sehr für sich einnehmen konnte Elisabeth Kulman als Polina und Daphnis. Die restlichen Solisten kann man mehrheitlich positiv einstufen.
Über die Inszenierung von Vera Nemirova wurde bei der Premiere viel geschrieben. Ja, sie bringt eine Zeitverlegung von der Zarin Katharina in die ersten postkommunistischen Jahre, auch ist fast alles schwarz und grau. Aber, man kann damit leben, ohne sich jedes Mal ärgern zu müssen.
Was bei diesem Werk eher selten ist, man kann die komplette Partitur erleben. Wegen des Semifinales der Fußball-EM waren die Stehplätze schütter besetzt, die Sitzplätze jedoch ziemlich voll. Wenn man sich statt Fußball für Oper entschied, musste man das gar nicht bedauern. Es gab große Begeisterung, viele Bravos, auffallend viele für Talaba und Nelsons.
Ein guter Rat: nützen Sie den letzten Termin am 30. 6. Es zahlt sich aus!
Martin Robert Botz - DER NEUE MERKER - 27. Juni 2008

Großes Versprechen für die Zukunft
Dirigent Andris Nelsons gab sein Debüt an der Staatsoper
Wiens Opernliebhaber sollten die Gelegenheit nutzen und eine der zwei folgenden Aufführungen (am 26. und 30. Juni) von Tschaikowskys „Pique Dame“ an der Wiener Staatsoper besuchen. Ein Grund dafür: Dirigent Andris Nelsons.
Seiji Ozawa musste wegen eines Bandscheibenvorfalls absagen, und so kam der erst 30-jährige lettische Maestro zu seinem Debüt im Haus am Ring. Und was für ein Einstand! Nelsons kostet Tschaikowskys Musik wunderbar aus, harmoniert hörbar mit dem exzellent aufspielenden Orchester, formt diese „Pique Dame“ zu einem orchestral packenden Psychothriller.
Dass Nelsons auch perfekt mit den Sängern atmet, ist fast nur noch eine Draufgabe. Andris Nelsons, ein Name, den man sich für die Zukunft merken sollte.
Auch sonst ist diese „Pique Dame“ in der umstrittenen Inszenierung von Vera Nemirova sehr erfreulich. Vor allem Marian Talaba – er ersetzt den erkrankten Neil Shicoff auch bei den Reprisen – hat mit dem Hermann endlich eine ideale Partie gefunden. Hier passt sein kerniger Tenor gut; als Darsteller überzeugt Talaba.
Wie auch die hoch dramatische Martina Serafin als Lisa, Boaz Daniel als tadelloser Jeletzki, Albert Dohmen als mächtiger Tomski, Elisabeth Kulman als Polina oder die große Anja Silja als intensive Gräfin.
Peter Jarolin - KURIER - 24. Juni 2008

Spannung wie im Krimi
Erst zehnmal war die erfolgreiche Produktion von Tschaikowskys "Pique Dame" in der Staatsoper zu sehen: vera Nemirova verlegt das Spielerdrama (nach einer Puschkin-Erzählung) in die Zeit nach der Oktoberrevolution, das Palais der Gräfin ist ein Kinderheim geworden, in dem strenge Gouvernanten Zöglinge drangsalieren.
Sie Gräfin, einst in Paris ein Star, träumt von besseren Zeiten, während der neue "Hausherr" perverse Feste veranstaltet und die Geschichte von Pluto, Daphnis und Chloe als Travestiekomödie mit grotesker Modeschau zeigt. Die Gräfin veranlasst er, für seine Gäste als Zarin zu erscheinen. Anja Silja ist die hinreißend aussehende, morbide Gräfin, die als wunderschöne Zarin durch den Zuschauerraum der Staatsoper schreitet.
Seiji Ozawa am Pult erfüllen die Staatsopernmusiker jeden Wunsch: eine klanglich prachtvole, hochdramatische Aufführung. Lyrische Momente, Eruptionen, Gewitter, Liebe und Leidenschaft - alles gestalten Ozawa und Nemirova spannend wie einen Krimi.
Im Mittelpunkt: Neil Shicoff. Berührend bis erschütternd spielt und singt er den Hermann. Mit welcher Intensität er sich mit der Rolle identifiziert! Er ist der Liebende wie rettungslos der Spielleidenschaft Verfallene, der für das Geheimnis der Karten bereit ist, die Gräfin zu vergewaltigen und in den Tod zu treiben.
Und da punktet auch Martina Serafin als unglücklich liebende Lisa. Sie macht begreiflich, dass sie der Leidenschaft des Hermann verfällt, für ihre Liebe Verlobten, Großmutter und Leben über Bord wirft.
Daneben gefallen Boaz Daniel (Jeletzki), Elisabeth KUlman (Polina), Caroline Wenborne (Mascha), Aura Twarowska (Gouvernante), Albert Dohmen (Tomski). Viel Applaus!
V.P. - KRONENZEITUNG - 2. Oktober 2008
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