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Geistliche Musik

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Elias

Ort

Zürich - Tonhalle (Zürcher Festspiele)

 

Termine

Dienstag, 7. Juli 2009 - 19.30 Uhr 

 

Ausführende

Ruth Ziesak, Sopran
Elisabeth Kulman, Alt
Werner Güra, Tenor
Robert Holl, Bass

Schweizer Kammerchor
Tonhalle-Orchester Zürich

Musikalische Leitung: Peter Schreier

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Links

Zürcher Festspiele: www.zuercher-festspiele.ch

 

Pressestimmen

Ein feuriger, lyrisch verinnerlichter Prophet
Mit Robert Holl in der Titelpartie wurde Felix Mendelssohns Oratorium «Elias» zu einem Höhepunkt der Zürcher Festspielkonzerte.
Er ist seit Jahrzehnten ein gefragter Liedinterpret und gleichzeitig ein imposanter Wagner-Sänger mit Bayreuther Weihen: Robert Holl ist eine markante Sängerpersönlichkeit, und seine Darstellung des alttestamentarischen Propheten Elias im jüngsten Festspielkonzert des Tonhalle-Orchesters zeugte von einer singulären gestalterischen Eindringlichkeit. Zuweilen schien es, als würde er mit seinem eindringlichen Gesang und seiner nicht minder eloquenten Gestik das Konzertpodium in eine Opernbühne verwandeln. In jedem Moment, in jeder Phrase, jedem Wort war dieser Elias mit prallem Leben gefüllt - ein eifernder Prophet im ersten Teil des Oratoriums, ein resignierter Mann Gottes im zweiten. Das aufbegehrerische Pathos seiner feurigen Gottesreden machte einen ebenso nachhaltigen Eindruck wie der resignative Rückzug in eine lyrisch verinnerlichte Gottesergebenheit «Es ist genug». Hier war ein grosser Gestalter am Werk - und ein ebenso grossartiger Sänger, der seine stimmlichen Mittel bravourös in den Dienst der Interpretation stellte.
Die Aufführung lag beim Dirigenten Peter Schreier in besten Händen. Mit vergleichsweise sparsamer Gestik leitete er das musikalische Geschehen spannungsvoll von einer Station zur nächsten. Das barocke Pathos mancher Chöre erhielt seinen festlichen Glanz, und die an einigen Stellen manchmal etwas gar salbungsvolle Romantik wurde als zeittypisches Kolorit überzeugend in den Gesamtablauf integriert.
Wesentlichen Anteil daran hatte der Schweizer Kammerchor, einstudiert von Fritz Näf. Im vollkehligen Fortissimo wie in den solistischen Passagen (Terzett, Quartett oder Doppelquartett) überzeugte er durch wohl abgewogene stimmliche Ausgeglichenheit. Bei den weiteren Gesangssolisten nahm vor allem die Altistin Elisabeth Kulman mit pastosen Klängen und einer auch sprachlich intensiven Gestaltung für sich ein. Werner Güra gab dem Obadja mit lyrischer Tenorstimme ein schwärmerisch romantisches Profil, wogegen der einst so glockenhelle Sopran von Ruth Ziesak hörbar einige Kratzer abbekommen hat. Die Sängerin bekundete wiederholt Mühe, ihre Stimme in einem einheitlichen Timbre zu verbinden. Grosser Applaus zum Schluss, Ovationen für Robert Holl - diese Aufführung wird in guter Erinnerung bleiben.

Werner Pfister - ZÜRICHSEE-ZEITUNG - 9. Juli 2009


Musikdramatische Grösse
Zürich. Gute drei Stunden dauert ein Abend mit dem Oratorium 'Elias' von Felix Mendelssohn Bartholdy: ein Riesenwerk, dessen berauschender Grösse man sich kaum entziehen kann. Mendelsohn zeigt sich hier trotz der epischen Breite des alttestamentarischen Stoffs auch als Musikdramatiker, der sein Publikum fesselt und immer wieder überrascht. Beispielsweise mit einer differenzierten Musik von direktem und hintergründigem Ausdruck, mit unmittelbar körperlichen Wirkungen. Ein Abend mit 'Elias' - live - ist ein guter Abend, an dem nie Langeweile aufkommt. Das Tonhalle-Orchester Zürich hat mit der Aufführung des Oratoriums den diesjährigen Zürcher Festspielen einen weiteren markanten Akzent gegeben. Peter Schreier, ein Kenner des Werks und einer, dem das Wort in der Musik wichtig ist, hat die Aufführung in der Tonhalle Zürich geleitet.
Es entstand eine musikdramatische Predigt. Im Zentrum: Robert Holl als Elias. Unglaublich, wie sich der Sänger mit dem Protagonisten identifizierte und selber zum Prediger, Propheten und Leidenden wurde. Kann man gestalterisch noch mehr aus dieser Partie holen? In diesem sehr dramatischen Ansatz wurde Holl von Peter Schreier bestens unterstützt; dem Dirigenten kam es vor allem auf die grossen Zusammenhänge, auf die Entwicklung der dramatischen Kräfte, auf die Verkündigung im besten Wortsinn an. Ausgezeichnet, wie der von Fritz Näf vorbereitete Schweizer Kammerchor und seine Solistinnen und Solisten sich in diese Konzeption einfügten. Dem Chor kommt in diesem Werk eine ebenso tragende Rolle zu, und er zeigte exemplarisch, wie farbig man diese Musik geben muss.
Allerdings wären gerade beim 'Elias' auch interpretatorische Ansätze denkbar, die weniger auf die (etwas pauschalisierende) Grösse und mehr auf eine differenzierte und transparente Darstellung aus sind. Und im Zusammenspiel des Orchesters in sich und mit dem Chor hätte man sich mitunter auch grössere Präzision gewünscht. In beiderlei Hinsicht hätte Peter Schreier durchaus mehr fordern können. Das Quartett "Wohlan, alle, die ihr durstig seid" zeigte, wie gut die Vokalsolistinnen und -solisten sich farblich mischten und Robert Holl keineswegs alleine agieren liessen. Die Sopranistin Ruth Ziesak gab dem Engel himmlische, aber auch geschärfte Töne, Elisabeth Kulman verfügt über eine bestrickende, wandelbare Altstimme, und der Tenor Werner Güra war mit seiner zu vielfältigstem Ausdruck fähigen lyrischen Stimme für Obadja und Ahab sozusagen eine Idealbesetzung.

Alfred Zimmerlin - NZZ - 9. Juli 2009


Religion zwischen Schrecken und Weisheit
Das zweitletzte von sechs Mendelssohn-Konzerten der Tonhalle Zürich zum 200. Geburtstag des Komponisten war seinem Oratorium «Elias» gewidmet: eine eindrücklich repräsentative Aurführung mit Robert Holl als Propheten.
Mit dem grossen Oratorium über den letzten der Propheten des Alten Testaments, das Felix Mendelssohn 1846 und 1847 in England zur Aufführung brachte, erlebte der Komponist seinen grössten Triumph und seinen leizten vor dem frühen Tod. In der Zürcher Tonhalle stand die Aufführung - gross besetzt mit dem Schweizer Kammerchor,dem Bassisten Robert Holl und den weiteren Solisten unter der Leitung von Peter Schreier - an der zweitletzten Steile des Mendelssohn-Zyklus. Wie das Satyrspiel nach der Tragödie im alten Griechenand folgt auf «Elias» am Freitag noch eine Aufführung von Mendelssohns eher selten zu hörender Ballade «Die erste Walpurgisnacht». Die Kantate für Solisten, chor und Orchester selzt die «heidnischen» Druiden gegen «dumme Pfaffenchristen» in ihr Recht - mit genialisch witziger Musik zu Goethes ebensolchen Versen: «Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken ...»
Der Glaubenskrieg
Von diesem «freigeistigen» Mendelssohn scheint der Kompomist des «Elias» denkbar weit entfernt. Das Werk hebt an mit der zornigen Stimme des Propheten, der im Namen Gottes dem sündigen Volk die Dürre ankündigt. Dann beweist Elias die Überlegenheit seines Gottes im salbungsvollen Arioso, indem er ein totes Kind zum Leben erweckt und im offenen Wettstreit mit den Baalspriestern. Im Gegensatz zu den Götzendienern kann er seinen Gott dazu bringen, den aufgeschichteten Holzstoss zu entfachen. Der Sieg bringt das Volk auf seine Seite, sodass seinem Befehl, die Propheten Baals «hinab an den Bach zu führen und zu schlachten» Folge geleistet wird.
Dem unzimperlichen Glaubenskrieg gibt Mendelssohn auch musikalisch gleichsam alttestamentarische Wucht in breitangelegten Chören mit markigen Fugenthemen oder geballter Vierstimmigkeit, für die der Schweizer Kammerchor mit elastisch-kernigem Chorklang und grosser dynamischer Spannweite präsent ist. Peter Schreier lenkt das Geschehen mit der imponierenden Akkuratesse des Kapellmeisters: Die Bändigung der Form hält die Klangmassen sehr wohl in Schach. Robert Holl greift mit seiner Stimmkraft gleichsam zum rohen Knüppel, wenn er singt: «Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer, und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?» Dass der Oratoriensänger damit auf dem Konzertpodium - auch ohne den sprichwörtlichen Bart - zum Propheten wird, versteht sich von selbst und lässt musikalisch Ungehobeltes als Ingredienz der Figurenzeichnung erscheinen.
Ein «dramatisches» Oratorium sollte «Elias» werden, näher den opernhaften Werken Händels als Bachs Passionen. Auf einen Erzähler verzichtete Mendelssohn. Spannend im dramatischen Sinn ist vor allem der erste Teil des «Elias» auch tatsächlich, selbst wenn sich im Wechsel von Chor und Solisten ohne eigentliche Dialoge kaum ein opernhafter Handlungsablauf einstellt. Das zeigt sich zuletzt noch einmal mit dem Regenwunder, mit dem dreimal flehenden Elias und dem Knaben, der aufs Meer hinausschaut - und eindrücklich auch, wie hier der Orchesterpoet Mendelssohn die Szenerie beschwört.
Das Tonhalle-Orchster ist hier wie im Ganzen kompetent bei der Sache. Auch was Chorsolisten wie Ruth Ziesak als manchmal etwas betulicher Engelsopran, Elisabeth Kulman und Werner Güra in markanten «Auftritten» leisten, gibt allen Grund mit der Hörfülle glücklich in die Pause zu gehen, und wer von der Gewalt des mendelssohnschen Propheten doch auch erschlagen ist, hat eben nicht mit dem Kalkül des Dramatikers gerechnet und nicht mit dem zweiten Teil, wo er die offene Rechnung zum Stimmen bringt.
Ein sanftes Säuseln
Der verstossene Prophet in der Wüste respektive Resignation und Todessehnsucht der berühmtesten Elias-Arie «Es ist genug!» bringen auf bewegende Weise Gefühlswelten ins Spiel, die mit dem kämpferischen ersten Teil scharf kontrastieren. Jetzt blüht auch das sanfte Engelsterzett «Hebe deine Augen» auf und der milde lyrische Geist weiterer Nummern umspielt das eigentliche Zentrum des Werks: Es ist der Chor, der von der Erscheinung Gottes vor dem Propheten handelt. «Der Herr ging vorüber» fährt noch einmal mit den entfesselten Elementen auf, aber nur um zu sagen, dass Gott nicht im Sturm, im Erdbeben und Feuer kommt, sondern - eine Leuchtspur der Flöte - im sanften Säuseln. Der Jude Mendelssohn, der nicht nur aus Opportunität konvertierte, lenkt hin auf die Vision einer Religion jenseits der Schrecken. Es fällt auf, dass Chor und Quartett den Messias ankündigen, ohne ihn beim Namen zu nennen. «Aber einer erwacht von Mitternacht, und er kommt vom Aufgang der Sonne», heisst es. Licht der Aufklärung, die Morgenröte des Ostens oder Moses, der Grossvater - vieles lässt sich in den verzückten Schlusssätzen mithören, aber im Überschuss an Bestätigung bleibt «Elias» auch ein Kind seiner Zeit und der englischen Oratorientradition von Händel zu Mendelssohn. Wie Peter Schreier und das grosse vokale Aufgebot das beherzigen konnten, gehörte zur Qualität der Aufführung.

Herbert Büttiker - DER LANDBOTE - 9. Juli 2009

 

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