Pressetext
Halb London fieberte mit, als Händel sein letztes Oratorium „Jephtha“ komponierte. Mitten im Schlusschor des zweiten Aktes, bei der Stelle „Oh Herr, wie dunkel sind deine Ratschlüsse“, verlor Händel das Augenlicht. Er musste das Komponieren unterbrechen und im Kurbad Cheltenham Erholung suchen. Schon munkelte man, er habe „Jephthas Schwur“ vergessen, doch dann raffte sich der Meister zu einer letzten Kraftanstrengung auf und vollendete seinen Schwanengesang. Immer schon hat Nikolaus Harnoncourt die besondere Tragik des „Jephtha“ fasziniert: das Schicksal des Feldherrn, der seine eigene Tochter opfern muss, weil er dem Herrn vor der Schlacht das Blut des ersten Menschen gelobt hat, der ihm nach dem Sieg begegnet. Und die Tragik des Komponisten, der diesen letzten Höhenflug der drohenden Blindheit abtrotzen musste. Für seine neue Deutung von Händels Meisterwerk hat Harnoncourt eine Idealbesetzung beisammen: Kurt Streit bleibt der Titelpartie an tragischer Verstrickung nichts schuldig. Die wunderbare Elisabeth Kulman singt seine Frau Storgé, die sich mit dem Hinschlachten des Kindes nicht abfinden will; Martina Janková und Lawrence Zazzo, der neue gefeierte Counterstar am Händelhimmel, sind ein jugendlich-schönes Liebespaar ohne Zukunft, Harnoncourts Porgy Jonathan Lemalu ein Oberpriester von biblischer Wucht. Dazu spielt der Concentus Musicus Wien Händel’sche „Klangrede“ in letzter Verdichtung, singt der Arnold Schoenberg Chor süße Dissonanzen von überirdischer Schönheit.
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Pressestimmen
Jubel für Harnoncourts "Jephtha" bei der "styriarte"
Händel-Oratorium entfaltete seine ganze Strahlkraft.
Viel Applaus gab es Samstagabend für die energiegeladene Aufführung von Georg Friedrich Händels "Jephtha" im Rahmen der "styriarte". Nikolaus Harnoncourt ließ das Oratorium in seiner ganzen Dramatik erstrahlen, vom verhängnisvollem Schwur über wildes Aufbegehren bis hin zu zarten Liebesszenen schuf er ein farbenprächtiges Bild. Ausgezeichnete Sänger, der großartige Arnold Schoenberg Chor sowie ein ausgewogen spielender Concentus Musicus Wien trugen zum abgerundeten Klangerlebnis bei.
In Händels Oratorium, das der Komponist 1751 fertigstellte, geht es wie in vielen ähnlichen Geschichten um einen Schwur, der sich in eine ungewollte Richtung entwickelt. Der biblische Feldherr Jephtha gelobt, im Falle eines Sieges das erste Lebewesen zu opfern, das ihm aus seinem Haus entgegentritt. Es stellt sich heraus, dass das seine Tochter ist - doch in Händels Werk wird das Mädchen nicht getötet, sondern muss als Jungfrau Gott dienen.
Harnoncourt legt in seiner Interpretation das Gewicht auf den tragischen Helden - oder eher Antihelden - und skizziert eine Figur, die erst im Scheitern so etwas wie Sympathie gewinnt. Aus dem selbstgerechten Krieger wird ein verzweifelter Vater - eine Linie, die Kurt Streit mit sicher geführtem, metallisch strahlenden Tenor klar zeichnete. Ebenso großartig erfüllte Elisabeth Kulman die Partie der Storge mit Leben. Mit der ganzen Bandbreite ihrer beeindruckenden Stimme zeigte sie die Mutter des vermeintlichen Opfers als eine, die wild aufbegehrt und tief verzweifelt. Ihre düsteren Vorahnungen gehörten eindeutig zu den Höhepunkten des Abends.
Mit weicher, warm tönender Stimme sang der bereits als Porgy heuer bei der "styriarte" gefeierte Jonathan Lemalu Jephthas Bruder, den eher ausgleichenden und ruhigeren Zebul. Martina Jankova war eine zärtlich liebende und schließlich sanft resignierende Iphis, deren klarer Sopran sich mit Lawrence Zazzos (Hamor) Countertenor wunderbar im Duett vereinigte. Ein kleines Augenzwinkern lag im Schluss, als der Engel (Anna la Fontaine) hinter einer Wolke, die vor der Orgel im Stefaniensaal schwebte, auftauchte, und alles zum Guten wendete. Das Publikum zeigte sich vom rund dreistündigen Abend begeistert.
Karin Zehetleitner - APA - 19.7.2009
Seelendrama, tief bestürzend
Hacklerregelung für Nikolaus H.! Energiegelanden stemmt der bald 80-Jährige auch die schwersten Brocken. Wie nun Händels "Jephtha".
Nach Gershwins Riesenoper "Porgy and Bess" und zwei Stainz-Konzerten brachte Schwerarbeiter Nikolaus Harnoncourt jetzt also im Stephaniensaal zwei Mal Händels "Jephtha" zur styriarte. Das letzte Oratorium des Barockmeisters, wegen dessen heraufdämmernder Erblindung während der Komponierzeit 1752 oft auch als persönliches Seelendrama gedeutet, schließt gleichsam an den "Idomeneo" aus dem Vorjahr an.
Wie Mozart setzt auch Händel auf ein bestürzend auswegloses Opfermotiv: Der alttestamentarische Richter Jephtha gelobt als Feldherr der Israeliten, für den Sieg gegen die Ammoniter den ersten Menschen zu opfern, der ihm bei der Heimkehr erscheint: Mit Tänzen und Tamburinen läuft ihm Tochter Iphis entgegen. Händel schöpft aus den Verstrickungen von Gott- und Schicksalsergebenheit eine unnachahmliche Psychologie der Klänge. "Jephtha" gehört zweifellos auf eine Gesetzestafel, wie man in Soli, Duetten, Chören und Zwischenspielen alle Prismen an Effekten zwischen Süße und Bitternis, Ohnmacht und Zorn strahlen lässt.
Harnoncourt konnte natürlich auf seinen Concentus musicus bauen, dessen risikofreudiger Sesselkanten-Stil stets aufs Neue elektrisiert, und auf den so wachen wie wendigen Schoenberg-Chor. Kurt Streit, der Paul Newman mit dem knusprigen Tenortimbre, balancierte den Jephtha prägnant zwischen Leichtsinn und Verzweiflung aus.
Mit wunderschön gerundetem Mezzo gelang Elisabeth Kulman ein berührendes Psychogramm seiner Frau Storgé. Martina Janková als Iphis und Lawrence Zazzo als Geliebter Hamor erfreuten in Duetten, "Porgy" Jonathan Lemalu als Zebul und Anna la Fontaine als entzückender Angelus ex machina, Retter der Ausweglosen, komplettierten ein Ideal-ensemble. - Standing Ovations, vor allem für Harnoncourt selbst, den Wegweiser dafür, dass erst Ecken und Kanten Musik zu einer runden Sache machen.
Michael Tschida - KLEINE ZEITUNG - 20. Juli 2009
Die schroffen und galanten Seiten eines barocken Antihelden
Ein Kriegsherr, der für den Fall seines Sieges das erste Wesen opfern will, das er zu Gesicht bekommt: Die biblische Story über den jüdischen General Jiftach gäbe auch Stoff für einen modernen Blockbuster ab - umso mehr, als es die eigene Tochter ist, an der sich sein Schwur erfüllen soll.
Dass sich die Entstehung von Händels letztem Oratorium Jephtha durch die fortschreitende Erblindung des Komponisten mühsam dahinzog, lässt sich aus dem Werk zwar kaum heraushören. Dennoch kann man beim Gedanken erschaudern, dass der endgültige Verlust des Augenlichts an jener Stelle eingesetzt haben soll, wo der Chor die moralische Blindheit des Menschen anklagt.
Die menschliche Seite der Geschichte muss Händel besonders am Herzen gelegen sein - sowohl das individuelle, freilich durch einen Angelus ex Machina gerade noch abgewendete Schicksal als auch der todbringende Eifer, den Menschen entwickeln können. Nikolaus Harnoncourt ließ denn auch im Grazer Stefaniensaal mit seinem Concentus Musicus Wien alle Kriegsherrlichkeit verblassen.
Kein strahlender Sieger
Im Vorfeld der Aufführung hatte der Dirigent mit der Aussage aufhorchen lassen, dass Händel Heldenfiguren als solche abgelehnt habe und dass er den Helden stets lächerlich mache. Diese Meinung schießt vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus. Aber ein strahlender Sieger ist Jephtha mit Sicherheit nicht, sondern eher ein leidender, entmachteter Heimkehrer, der von einer starken Frau gemaßregelt und von seinem Wahn befreit wird.
So stellte sich das Psychogramm des Oratoriums jedenfalls mit den Sängern der Grazer Aufführung dar: Dass Kurt Streit in der Titelpartie auch mit mancher Koloratur kämpfe, machte ihn gerade zur plastischen Gestalt, zumal ihm seine lyrischen Qualitäten und seine ausdrucksvolle Wendigkeit zu einer phänomenalen Charakterstudie verhalfen. Den Eindruck von Figuren aus Fleisch und Blut vermittelten auch Elisabeth Kulman als Jephthas warm tönende Gattin Storgé, Martina Janková als hell timbrierte Iphis, Lawrence Zazzo als eindringlicher Hamor und Jonathan Lemalu als kerniger Zebul.
Mit dem wie stets prächtigen Schoenberg Chor und dem Concentus gestaltete Harnoncourt indessen in reichsten Schattierungen immer wieder neue Farben, überraschende Schroffheiten, aber ebenso - vor allem dort, wo sich bereits der Umbruch zum galanten vorklassischen Stil ankündigt - betörend weiche Schönheiten. Aus dieser Sphäre erklang auch die blühende Stimme Anna la Fontaines. Dass sie als rettender Engel von einer Wolke aus sang: So viel Theater durfte diesmal auch bei einem Oratorium sein.
Daniel Ender - DER STANDARD - 21. Juli 2009
... ist gerettet!
Arnold Schoenberg Chor, Concentus Musicus Wien und ein handverlesenes Solistenensemble unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt - am Sonntag (19.7.) im Stefaniensaal.
Abraham im Land Morija kann nicht dankbarer gewesen sein über das Eingreifen des Engels, als das Styriartepublikum im Stefaniensaal: Dort wurde der Knabe Isaak in letzter Sekunde vom Opferalter gerissen, hier das Mädchen Iphis.
Die Jungfrau kommt freilich nur im Jephta-Libretto von Thomas Morell mit dem Leben davon. Im biblischen Buch der Richter wird der verhängnisvolle Schwur ihres Vaters Jiftach/Jephta eingelöst: Wie Idomeneo schwor auch dieser Feldherr, das erste lebende Wesen zu opfern, das ihm nach siegreicher Heimkehr begegnen wird. Im Gegensatz zu Idamente oder zu Isaak wird das namenlose Mädchen in der Bibel geopfert: "So wurde es Brauch in Israel, das Jahr für Jahr die Töchter Israels in die Berge gehen und die Tochter Jiftachs beklagen ..."
Auch im Stefaniensaal war das sichere Wissen um den glücklichen Ausgang von Händels Oratorium plötzlich verschwunden, hinabgerissen in Abgründe menschlich-seelischer Verzweiflung und irregeleiteter Gottesbereitschaft. Schier unerträglich war Spannung, die Nikolaus Harnoncourt, der brillante Arnold Schoenberg Chor und der beredter denn je musizierende "Concentus" aufzubauen wussten.
Kurt Streit gab dem Richter Jephta in jedem Augenblick markantes farbiges Profil, ließ ihn siegesgewiss, fast ein wenig vermessen (etwa mit der Arie "Virtue my soul shall still embrace") in die Schlacht ziehen, triumphierend heimkehren – und körperlich und seelisch zerbrechen am Glauben, dass er Gott nun seine Tochter schuldig zu sein scheint.
Dass Jahwe das Menschenopfer gar nicht will und den sprichwörtlich rettenden Engel schickt (Anna la Fontaine, die im Stefaniensaal stilvoll vor dem Orgelprospekt auf einer Wolke schwebte), feiert Händel mit einer seiner schönsten Musiken überhaupt.
Doch Schrecken und das Grauen sitzen tief. Größere, dramatischer komponierte und plastischer gestaltete Kontraste sind kaum denkbar.
Da ist zunächst das hinreißende Duett der Verlobten Iphis und Hamor: Die Sopranistin Martina Janková und der Countertenor Lawrence Zazzo sangen es mit der rührenden Naivität der ganz Jungen, die sich des Überlebens in der Schlacht sicher sein dürfen, weil sie sich was anderes nicht vorstellen können – und kein Händel und kein Harnoncourt wagte es, da auch nur einen Schatten des Zweifels in der Musik anklingen zu lassen.
Doch dann der erste Kontrast: Die Arie der Storgé, der Frau Jephtas. Sie weiß nichts vom verhängnisvollen Schwur, und wird trotzdem noch vor dem Ausrücken des Heeres von düsteren Ahnungen - "Bildern des Schreckens und des Leides" - heimgesucht: Elisabeth Kulman verlieh dieser Verzweiflung dramatisch-virtuosen Ausdruck.
Und dann der Zusammenbruch Jephtas, der Umschlag von triumphierendem Schlachtenglück in tiefste persönliche Verzweiflung in einer einzigen Generalpause: Harnoncourt und seine Mitstreiter schienen die Welt anzuhalten - und Kurt Streit zeichnete ab diesem Augenblick das geradzu klinisch genaue Krankheitsbild einer allesverschlingenden Depression.
Das Publikum bejubelte die Ausführenden nicht nur für eine musikalische Sternstunde – sondern schien sich stellvertretend bei den Musikern für die Rettung eines Kindes zu bedanken: Ihpis lebt. Da kann die Bibel sagen, was sie will.
Heidemarie Klabacher - DREHPUNKTKULTUR - 22. Juli 2009
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