Pressestimmen
Nie Sicherheit, allzeit Apokalypse
Nikolaus Harnoncourt brach noch einmal eine Lanze für Franz Schmidt
Zum Achtzigsten hat sich Nikolaus Harnoncourt gewünscht, nochmals Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“ im Musikverein zu dirigieren. Wie schon vor einigen Jahren betonte er auch diesmal – als Abschlusskonzert des heurigen „Presse“-Zyklus – die brückenschlagenden Qualitäten der Partitur, die zwischen barocker Oratorientradition und der expressiven Zeichenqualtität der musikalischen Moderne vermittelt. Mit jeder Aufführung dieser Komposition wird klarer, dass Schmidt – ganz im Gegensatz zu seinem reaktionären Image – ein erfindungsreicher Vorbote der Postmoderne war. Sein eminentes handwerkliches Können sichert historischen Anleihen ihren Platz in einem virtuos arrangierten Kaleidoskop künstlerischer Ausdrucksmittel, die sicheren Griffs auch die Errungenschaften der damaligen Avantgarde einbindet.
Schmidts unverwechselbarer Ton verschmilzt Retrospektive und Zeitgeist zum großen Ganzen – zum ästhetischen Pandämonium, der vielleicht einzig adäquaten musikalischen Anverwandlung des apokalyptischen Vorwurfs.
Harnoncourt gliedert das Stück durch künstliche Zäsuren und wählt betont langsame Tempi, um die Bildhaftigkeit der Klänge vom neobarocken Jubelchor bis zur zischend-grellen Schlagwerkillustration deutlich werden zu lassen.
Grandioser Singverein
Mit dem grandios vorbereiteten und hingebungsvoll singenden Singverein, den Philharmonikern und einem exzellenten Solistensextett hat er Mitstreiter, die durch solch fordernde Vorgaben nicht aus der Ruhe zu bringen sind. Bemerkenswert, mit welchen Kraftreserven Michael Schade kurz nach seiner Genesung aufwarten kann, um den Berichten des Johannes von Patmos nicht nur den nötigen langen Atem, sondern auch reiche erzählerische Farben und Nuancen zu sichern.
Robert Holls Stimme des Herrn orgelt auch vom ungewohnt „erniedrigten“ Platz im Orchester mit der gewohnten Noblesse. Und das Quartett mit Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra und Florian Boesch agiert perfekt in allen Bereichen – ob wohltönende Engelsschar oder scharf charakterisierende Kriegsberichterstattung.
Robert Kovács sorgte an der Orgel dafür, dass auch in den Zwischenspielen die Spannung niemals abriss. Jubel.
Wilhelm Sinkovicz - DIE PRESSE - 20. Dezember 2009
Donnernder Applaus für Nikolaus Harnoncourt
Wenn der jüngste Tag hereinbricht, dann muss er so klingen.
Die Wiener Philharmoniker unter Nikolaus Harnoncourt bewiesen, dass „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt zu Unrecht als schweres Werk verteufelt wird. Die Vertonung der Apokalypse war selten so verständlich, das Chaos so geordnet, der Schrecken der apokalyptischen Reiter so bildhaft dargebracht worden.
Wahrscheinlich braucht es die Reife und die Weisheit eines ganzen Lebens, um die Offenbarung so klar erzählen zu können und bei all dem Spannungsaufbau und trotz der spürbaren Emotionen mit kühler Präzision Orchester, Wiener Singverein und die Solisten zu einer einzigen Kraft zu konzentrieren.
Dirigent Harnoncourt brachte eine durchgehende, angenehme Ruhe in das Werk ohne es aber zu langsam zu nehmen oder je langweilig zu sein.
Er reizte die Generalpausen bis zum Äußersten aus und schloss den ersten Teil mit einer knisternden Spannung, die das Publikum derart in Atem hielt, dass niemand zu applaudieren wagte.
Erst als er das Dirigentenpult verließ, wagte das Auditorium donnernden Applaus.
Die Solisten Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra, Florian Boesch, Robert Holl (als Stimme des Herrn) und Michael Schade – sehr gut in der größten Solopartie als Johannes – und Robert Kovács an der Orgel ergänzten einen denkwürdigen Nachmittag.
Barbara Freundorfer - KURIER - 21. Dezember 2009
Drastisch und herb
Dass sich Nikolaus Harnoncourt von den Wiener Philharmonikern Franz Schmidts Buch mit sieben Siegeln zum Achtziger gewünscht hat, konnte erstaunen. Zumal es schon eine Referenzaufführung in dieser Konstellation gibt und sich der Dirigent so gut wie nie wiederholt. Ein Vergleich der jüngsten Soirée im Musikverein mit der Live-CD von 2000 machte aber deutlich: Der damalige Ansatz ließ sich noch zuspitzen.
Jetzt war der Klang viel klarer, gleichsam gebündelt. Und nochmals herber und drastischer wirkten sowohl die katastrophischen Szenen als auch die Lobgesänge, bei denen Harnoncourt den gleichen Zugriff zeigte, den er sonst auch bei Bachs Passionen walten lässt. Sämtliche Beteiligte ließen ihm dabei kaum einen Wunsch offen: weder das exquisite Solistenquartett (Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra, Florian Boesch) noch Robert Holl mit seiner mächtigen Stimme des Herrn - und schon gar nicht Michael Schade mit dem gewaltigen Part des Propheten Johannes, den er mit Innigkeit und Glanz gestaltete.
Dem fulminanten Orchester mit behendem, hochvirtuosem Orgelsolo (Robert Kovács) sekundierte der gut aufgestellte Singverein mit nur stellenweise begrenzter Prachtentfaltung. Doch den Schlusschor ließ Harnoncourt ohnehin nicht eindimensional glänzen: Die Gongs, die noch über den letzten Akkord hinaus wuchtig vibrierten, klangen wie eine offene Frage.
Daniel Ender - DER STANDARD - 19. Dezember 2009
Apokalyptische Visionen eines Meisterwerkes
Franz Schmidts Oratorium "Das Buch mit den sieben Siegeln" war in seiner Rezeption lange Zeit hindurch auf die große Wiener Aufführungstradition beschränkt. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich europaweit mehr und mehr die Überzeugung durchgesetzt, dass hier ein gewaltiges Meisterwerk vorliegt; ein letztes Aufleuchten der Gattungsgeschichte auf der Linie von Bach und Händel über Haydn und Mendelssohn bis hin zu Johannes Brahms.
Ein Aspekt wird dabei immer klarer: Man möchte darüber staunen, mit welch’ unbewusster Hellsichtigkeit der Komponist schon 1937 die Gräuel des Zweiten Weltkrieges vorhergesehen und in erschütternder musikalischer Realistik geschildert hat. Ja mehr noch: Bei einiger Phantasie könnte man in den apokalyptischen Visionen der sieben Posaunen sogar Vorahnungen der Umweltkatastrophen unserer Zeit erblicken.
Mit der Einladung, das Werk in einer ihrer Soireen – zum zweiten Mal seit dem Jahre 2000 – zu dirigieren, ehrten jetzt die Wiener Philharmoniker ihr Ehrenmitglied Nikolaus Harnoncourt zu seinem 80. Geburtstag am 6. Dezember. Und in der Tat: Vorweg ist die enorme physische Leistung des Dirigenten zu rühmen, der mit nie erlahmender Spannkraft speziell die gigantischen Chorsätze durchzog, ihre kontrapunktische Anlage zu gliedern verstand. Da vermochte der in den letzten Wochen enorm geforderte Singverein dennoch an seine vergangenen Großleistungen bis zum gewaltig aufleuchtenden Halleluja anzuschließen.
Die Strahlkraft eines heldischen Tenors
Ansonsten hatte Harnoncourt nebst auffallend langen Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten auch ungewöhnlich bedächtige Tempi gewählt. Sie verlangten dem Johannes des wiedergenesenen Michael Schade viel robuste Atemtechnik ab; an seiner fulminanten Leistung, der Strahlkraft seines immer heldischer tönenden Tenors in der Spannweite bis zum zartesten Pianissimo, seiner intelligenten Gestaltung und Diktion vermochte das nichts zu ändern.
Ihm zur Seite: Die nach wie vor überwältigende, sonore Fülle von Robert Holls Stimme des Herrn. Im Solistenquarett fiel der allzu naturalistisch geführte Bass von Florian Boesch ein wenig aus dem Rahmen; üppig entfaltete sich der Sopran von Dorothea Röschmann, kultivierte Mittelstimmen boten Elisabeth Kulman (Alt) und Werner Güra (Tenor).
Aus dem aufmerksam folgenden Orchester ragten die Posaunen mit der sicheren Bewältigung ihrer heiklen Partien sowie die klar zeichnenden Holzbläser hervor: Souverän meisterte Robert Kovács den schwierigen Orgelpart, ausdauernd jubelte das Publikum.
Gerhard Kramer - WIENER ZEITUNG - 19. Dezember 2009
Festkonzert: Wie am Rand eines Vulkans
Wahrlich zu einer Offenbarung wurde Franz Schmidts Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln“ beim Festkonzert zum 80. Geburtstag von Dirigent Nikolaus Harnoncourt am Montag im Brucknerhaus.
Normalerweise wird ein Geburtstagskind beschenkt. Nikolaus Harnoncourt machte es umgekehrt und schenkte dem Publikum im fast restlos gefüllten Großen Saal im Linzer Brucknerhaus einen unbeschreiblichen Abend.
Gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern, Robert Kovács (Orgel), dem Singverein der Gesellschaft für Musikfreunde in Wien und hochkarätigen Gesangssolisten (Michael Schade, Robert Holl, Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra, Florian Boesch). Ausgewählt hatte er für diesen Anlass nichts Geringeres als „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt, als 17-Jähriger übrigens kurzfristig ein Schüler Anton Bruckners.
Ein gewaltiges Oratorium, dessen Grundlage, die Johannes-Apokalypse, während der Christenverfolgung um 100 nach Christi Geburt entstanden ist und von der Vision des Johannes erzählt, der christlichen Heilslehre, dem Ende der Zeiten, der Überwindung des Teufels, vom Jüngsten Gericht und der Vollendung des Gottesreiches. Ein Werk, komponiert kurz vor seinem Tod Schmidts, zwischen 1935 und 1937 wie zwischen zwei Weltkriegen, „das die Befindlichkeit am Rand eines Vulkans spiegelt“, so Harnoncourt.
Ein Gefühl, das einen auch als Zuhörer einer grandiosen Aufführung überkam, deren Energie sich in gewaltigen, verstörenden Klangeruptionen entlud, die aber ebenso mit nahezu himmlischer Klangschönheit betörte. Zu verdanken allen Beteiligten, allen voran einem vor Elan strotzenden Dirigenten, der weiß, was er will. Dem homogenen Chor des Singvereins der Wiener Musikfreunde (bestens einstudiert von Johannes Prinz). Wie den hochkarätigen Solisten: Michael Schade (Johannes) berührte einmal mehr mit feinen, lyrischen Nuancen und Schattierungen, Robert Holl als „Stimme des Herrn“ beeindruckte mit unerschütterlichem Bass. Dorothea Röschmann (Sopran), Elisabeth Kulman (Alt), Werner Güra (Tenor) und Florian Boesch (Bass) bildeten ein überaus wohlklingendes, harmonisches Soloquartett.
Urgewaltige Klangfülle
Sparsame, aber präzise Gesten genügten Nikolaus Harnoncourt, um den Wiener Philharmonikern ihre Qualitäten zu entlocken. Wenn es da heißt im Text (am Anfang des zweiten Teils), es war „ein großes Schweigen im Himmel“, schien es, als würden die Streicher mit ihren zart flimmernden Klängen die Himmelspforte einen Spalt öffnen.
Endgültig aufgestoßen wurde sie im krönenden Halleluja, das sich in urgewaltiger Klangfülle über das Publikum ergoss.
Beinahe mickrig wirkte in Anbetracht all dessen der tosende Applaus, bei dem der Maestro selbst stets einen Schritt zurück, ins Orchester, trat. Als würde er sagen wollen: „Wir, nicht ich haben euch diesen Abend bereitet.“ Es war ein großartiger.
Karin Schütze - OÖN - 23. Dezember 2009
Harnoncourts Geburtstag war auch ein Fest für Linz
Brucknerhaus: Nikolaus Harnoncourt und Wiener Philharmoniker bekamen Standing Ovations für „Das Buch mit sieben Siegeln“
Sich selbst und auch Linz (nach drei Aufführungen in Wien) hat Nikolaus Harnoncourt zu seinem Achtziger sein Wunschwerk zum Geschenk gemacht: das in zwei Teile mit einem Prolog gegliederte „Buch mit sieben Siegeln“, Oratorium aus der Offenbarung des heiligen Johannes für Soli, Chor und Orchester von Franz Schmidt (1874 — 1939), in der Musikgeschichte unbestritten das bedeutendste Opus seiner Art des 20. Jahrhunderts. Nach der Uraufführung 1938 von der Politik missdeutet und aus den Programmen zwangsweise entfernt, hat es sich zwar längst rehabilitiert, gilt aber immer noch zu Unrecht als eine Rarität in den Konzertsälen. Im Brucknerhaus war ein Großereignis angesagt, das entsprechend genützt wurde. Es war zum Bersten voll, die Stehplatzbesucher säumten den Mittelgang. Am Schluss, da sich die Ergriffenheit bis in ungeahnte Höhen gesteigert hatte, wollte das Publikum das Haus nicht verlassen.
Nikolaus Harnoncourt begegnete dieser einzigen zusammenhängenden Vertonung der Apokalypse und in ihrer überdimensionalen Monumentalität einzigartigen Behandlung der Musik mit bescheidener Zurückhaltung des gestischen Repertoires. Er blieb ein allein dem Werk Dienender. Sein Forte kam aus der geistig souverän gebündelten Kraft der Ruhe, aus den fast lautlosen Piani in allen Teilen, den innehaltenden Zäsuren — und aus den insgesamt zur Bedächtigkeit neigenden Tempi entwickelte er ein spannend geheimnisvolles Bild von der symbolträchtigen Sprache Schmidts. Sie klang „wie die letzte Musik, die man ins Jenseits hinübernimmt“, so der Komponist einmal zu seiner vierten und letzten Symphonie, was auch für diese exemplarische Aufführung gelten mochte. Die Wiener Philharmoniker haben in dem Werk zwar keine prävalierende Rolle, erfüllten jedoch, dem hochdramatischen Stil ergeben, ihre häufig tonmalerischen Aufgaben. Hauptträger des Geschehens ist zweifellos der Chor, den der von Johannes Prinz vorbereitete Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, dem Schmidt sein Werk zum 125. Bestandsjubiläum widmete, mit einer unvergleichlichen Qualität stellte.
Messen ließ sich hier das Leistungsvolumen
Allein an dem Appell zum Jüngsten Gericht mit seiner Quadrupelfuge und endlich dem Halleluja in strahlendem D-Dur, dessen Rhythmus ja aus der ungarischen Tanzmusik stammt, ließ sich das Leistungsvolumen dieses vokalen Klangkörpers messen. Den wichtigen Orgelpart einschließlich der groß angelegten Soli als Vor- und Zwischenspiel gestaltete Robert Kovács leider — wie auch in Wien — nicht auf der großen Orgel der Bühne, aber immerhin ohne wesentliche Einbuße. Von den Solisten war Michael Schade als der erzählende Johannes zu bewundern mit seiner präzis auf die musikalische Dichte achtenden Deklamation, ebenso Robert Holl als die prachtvoll orgelnde Bassstimme des Herrn. Die primär vokale Komponente im Stück ergänzte ein luxuriös besetztes Quartett mit Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman, Werner Güra und Florian Boesch. Es gab anhaltenden Jubel am Schluss samt Standing Ovations.
Georgina Szeless - NEUES VOLKSBLATT - 23. Dezember 2009
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