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Oper

Modest Mussorgsky: Boris Godunow

Ort

Wiener Staatsoper - Opernring 2, 1010 Wien

 

Termine

Mittwoch, 7. Januar 2009 - 18.30 Uhr
Samstag, 10. Januar 2009 - 19.00 Uhr

 

Ausführende

Boris Godunow: Ferruccio Furlanetto
Pimen: Kurt Rydl
Grigori Otrepjew: Marian Talaba
Marina Mnischek: Elisabeth Kulman
Rangoni: Egils Silins
Fjodor: Roxana Constantinescu
Xenia: Laura Tatulescu
Amme: Zoryana Kushpler
Schuiski: Jorma Silvasti
Schtschelkalow: Clemens Unterreiner
Warlaam: Ain Anger
Missail: Benedikt Kobel
Schenkwirtin: Aura Twarowska
Hauptmann: Dan Paul Dumitrescu (7.), Alfred Sramek
Gottesnarr: Heinz Zednik
Nikititsch: Alexandru Moisiuc
Mitjuch: Marcus Pelz

Dirigent: Sebastian Weigle

Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos

 

Elisabeth Kulman als Marina

Elisabeth Kulman als Marina
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Inhalt

Vor dem Moskauer Jungfrauenkloster wird das Volk mit Peitschenhieben gezwungen, Boris Godunow anzuflehen, die Wahl zum Zaren anzunehmen. Nach der Ermordung des rechtmäßigen Erben Dimitri ist der Thron vakant. Von bangen Ahnungen erfüllt zieht Boris am nächsten Tag unter dem Jubel des Volkes zur Krönung in den Kreml ein.
Im Kloster Tschudow verfaßt der Mönch Pimen eine russische Chronik. Das letzte Kapitel handelt von der Ermordung des Zarewitsch Dimitri durch Boris' Schergen. Ebenso altwie Grigori wäre Dimitri heute, erzählt der Mönch, was auf Grigori großen Eindruck macht. Als sich Pimen zum Gebet entfernt, verläßt Grigori das Kloster in der Absicht, gegen Boris zu kämpfen.
Steckbrieflich gesucht schließt sich Grigori den Bettelmönchen Warlaam und Missail an. In einer Schenke nahe der litauischen Grenze entkommt er nur knapp einer Wachmannschaft.
Im Zarenpalast des Kreml erleidet Boris Godunow Gewissensqualen. Fürst Schuiski berichtet, dass sich in Polen ein Mann erhoben habe, der behauptet, Dimitri zu sein. Daraufhin läßt sich Boris von Schuiski, der Zeuge des Verbrechens war, noch einmal die Ermordung Dimitris schildern. In einem Anfall von Wahnsinn erscheint ihm die Gestalt des ermordeten Kindes.
In Polen weiß die Magnatentochter Marina zwar, dass Grigori nicht der rechtmäßige Thronerbe ist. Sie will aber trotzdem seine Liebe erhören, um Zarin zu werden. Darin wird sie von dem Jesuiten Rangoni bestärkt, der hofft, dadurch der katholischen Kirche in Russland Einfluss zu verschaffen. Nachdem Grigori schwur, ihr die Zarenkrone aufzusetzen, fällt sie in seine Arme.
Vor der Basiliuskathedrale in Moskau fleht das hungernde Volk Boris um Brot an. Der Gottesnarr beschuldigt ihn der Ermordung des Zarewitsch. Die Versammlung der Bojaren erfährt durch Schuiski von Boris' Wahnvorstellungen. Als er selbst erscheint, fühlt er sein Ende nahen. Er verabschiedet sich von seinem Sohn und stirbt. In der Zwischenzeit jubelt das Volk im Wald von Kromy dem stolz einziehenden Grigori zu. Der Gottesnarr beklagt das traurige Schicksal des hungernden Volkes.

 

Links

Wiener Staatsoper: www.wiener-staatsoper.at

 

Pressestimmen

Für mich war dieser Abend die klassische Bestätigung meines Artikels über die Wichtigkeit der Finali (Leitartikel im Heft 12/08). Es standen ausschließlich gute Sänger auf der Bühne, es stimmte die musikalische Wiedergabe, und dennoch wanderte ein gutes Viertel aller Besucher in der Pause ab – auf allen Rängen sowie im Parkett waren danach beträchtliche Lücken zu konstatieren – und der Applaus plätscherte, wenn überhaupt, nur spärlich nach jeder Szene, die Umbaupausen wurden als Löcher im dramatischen Gefüge empfunden, und erst das wirkliche, krönende Finale –nach Umstellung der letzten Szenen – mit dem Tod des Boris brachte der Aufführung dann doch noch Jubel ein, obwohl sich auch da der Vorhang nicht an der – musikalisch – richtigen Stelle geschlossen hatte. Aber der Titelrollensänger hatte die Szene an sich gerissen.
Leider hat der Chor nicht die Möglichkeit, die den Sängern mitunter gegeben ist: gegen den Willen des Regisseurs zu agieren. Sowohl die Solisten als auch das singende Plenum büßen in dieser von Yannis Kokkos allein verantworteten Produktion enorm an Wirkung ein durch die faden, grauen oder schwarzen Alltagskleider von 2007, die das Auge des Zuschauers ermüden. Dazu die meist dunkle Bühne, wenig zielführende Bewegung, nicht erkennbare Schauplätze. Außer dem Titelhelden konnte man von Maske und Kostüm her keinen Bühnenakteur einer bestimmten Rolle zuordnen.
So war es Ferruccio Furlanetto vergönnt, auch von der Optik her, zuerst im Krönungsornat, dann im goldenen Königsmantel, als dominierende Persönlichkeit die Titelrollenehren zu rechtfertigen, auch wenn Boris nur in 3 Szenen vorkommt. Furlanetto ist eine interessante, italienische Variante zu den großen Boris-Darstellern vornehmlich slawischer Herkunft. Obwohl sein Stimmvolumen ins Unendliche zu wachsen scheint, hat er sich die erlernte Gesangslinie bewahrt. Auch in den großen, explosiven Gefühls- und Stimmeruptionen sind es schöne, runde, volle Töne, die er produziert. Und voll drinnen ist er auch in der Rolle. Majestätisch wie als spanischer König Philipp tritt er uns auch als russischer Herrscher über ein Weltreich entgegen; umso packender und ergreifender gerät der seelische und zuletzt auch körperliche Zusammenbruch des Boris infolge unbewältigter Gewissensqualen.
Eine ebenbürtige Hauptrollenbesetzung gab es außerdem noch in Gestalt von Elisabeth Kulman als Marina Mnischek. Sie wusste ihr einfaches schwarzes Cocktailkleid mit Geschick so zu tragen, dass sie darin die erotische Faszination, die Marina ausstrahlt, glaubhaft machen konnte. Wie sie sich auf Dimitrij mit wiegendem Gang und strahlendem Gesicht zubewegte, konnte diesen nicht kalt lassen. Noch dazu mit diesem prachtvollem Gesang! Von den Kontraalt-Tiefen bis zu den dramatisch leuchtenden metallischen Höhen war ihr Singen Verführung sowohl als auch Machtansspruch pur. Das war mehr als eine „Hausbesetzung“! Beinah ist zu fürchten, dass man uns diese Parade-Marina weg-engagiert...
Besonders hervorzuheben ist noch eine Nebenrollenbesetzung, die ein lange schmerzlich vermisster Publikumsliebling zu einer Hauptrolle machte: Alfred Šramek, der nach langer Krankheitspause an diesem Abend erstmals wieder auftrat, war in der Schenkenszene als Hauptmann, der den flüchtigen falschen Dimitrij zu stellen hat, obwohl ziemlich erschlankt, voll auf dem Posten: eine von Šrameks köstlich skurrilen und doch so menschlichen Bühnenfiguren, noch dazu mit voller, Gott sei Dank völlig intakter Stimme effektvoll gesungen. Wir wünschen ihm und uns, dass er das Wiener Publikum auch bald wieder mit seinen Dulcamaras und Bartolos beglücken kann!
Die Sänger der übrigen Rollen waren durch die Inszenierung mehr oder weniger geschädigt. Die Tenorstimme des Moldaviers Marian Talaba hat die slawische Träne und die sichere, leuchtende Höhe, zwei Charakteristika, die dem Schmachten des verliebten Grigorij so sehr entgegenkommen. Die Liebesszene mit Frau Kulman hatte auch eine gewisse Spannung, zumal die beiden Solisten sich die leere Bühne zu eigen machen konnten. In der Szene mit Pimen kann ja für den Tenor darstellerisch nicht viel schief gehen. Wohl aber in der Revolutionsszene: Dass da ein junger Fürst, den Volk und Klerus zum Gegenkandidaten des Zaren machen wollen, armselig in einem schäbigen dunkelgrauen Rock hereinkommt und prompt in den Menschenmassen optisch untergeht, sich szenisch behaupten soll, überfordert wohl jeden Sänger.
Durch ein ähnliches Manko geschädigt war der zweite Tenor des Abends: Jorma Silvasti, in ebenso dürftiger Aufmachung als intriganter Schuiski. Stimmlich adäquat, kann der Sänger ohne jegliche Unterstützung durch Kostüm und Maske den gefährlichen Einfluss auf die Psyche des Boris nicht über die Rampe bringen. Heinz Zednik hingegen reussiert als Gottesnarr, trotz altersbedingt recht dünn gewordener Stimme, noch immer als Figur.
Auch die anderen Bässe, Baritone und Bassbaritone konnten sich hören lassen: Kurt Rydl, mit Riesenorgan und mittlerem Tremolo als Pimen im Einsatz , durfte zudem sogar mit langem weißen Mönchshaar in Erscheinung treten. Egils Silins als Jesuit Rangoni in grauen Fetzen – mehr als bedauerlich, zumal er mit prächtigem Heldenbariton (der glauben machte, dass er an anderen Bühnen als Wotan erfolgreich ist) dem Machtanspruch des Klerikers auf eindringliche Weise Gehör verschaffte. Als Bettelmönche profilierten sich Ain Anger, zwar kein komischer Warlaam, aber ein durchtriebener Kraftlackel von Format, und Benedikt Kobel als Missail mit klangvollem Tenor. Viel Temperament und Stimme investierten auch Clemens Unterreiner (Schtschelkaloff), Marcus Pelz (Mitjuch), Alexandru Moisiuc (Nikititsch) und Wolfram Igor Derntl (Leibbojar).
Während Aura Twarowska eine sowohl teilnahmsvolle als auch verschreckte Schenkwirtin mit wohlklingendem Mezzo veredelte, Zoriana Kushpler eine nicht nur attraktive, sondern auch stimmschöne Amme darstellte und Laura Tatulescu den Klagen der Zarentochter Xenia warmstimmigen Ausdruck verlieh, blieb der Zarewitsch durch Roxana Constantinescu, trotz männlicher Adjustierung, vokal und persönlichkeitsmäßig unterbelichtet. Die Erbfolge schien gefährdet...
Thomas Lang hatte mit dem Riesenchor ganze Arbeit geleistet. Der tönte schon ganz mächtig, ebenso wie das Orchester unter der inspirierten Leitung von Sebastian Weigle, dem es gelang, den Klang immer wieder aufzurauen und zwischen trügerischen Harmonien die Abgründe spüren zu lassen, die in Mussorgskys Volks- und Herrscherdrama mitkomponiert sind.
Kaum zu glauben für den Außenstehenden, dass trotz der vielen Positiva, die der Abend zu bieten hatte, keine befriedigende Aufführung zustande kam. Jeder Szenenschluss war fad, jede neue Szene begann so unauffällig wie nur möglich, und dazwischen passierte auch nichts von Belang auf der Bühne –von den erwähnten solistischen Eigenleistungen abgesehen. Das muss der Wiener Staatsoper auch erst einmal jemand nachmachen...
Und dabei hatten wir doch eine ganz wunderbare Inszenierung von Otto Schenk!

Sieglinde Pfabigan - DER NEUE MERKER - 11. Januar 2009


"Der Polin Reiz ist unerreicht ..." - Elisabeth Kulman als prachtstimmige Marina Mnischek
Außergewöhnlich war auch Elisabeth Kulman als machtlüsterne Marina: Die prachtvolle Mezzostimme der österreichischen Sängerin kann sich in dieser kurzen, aber anspruchsvollen Partie ideal "ausleben". Sie hat keinerlei Schwierigkeiten mit der entweder sehr hohen und zwischendurch sehr tiefen Lage der Polin, die mit der Macht spielt wie andere Frauen mit Schmuckstücken.

Peter Dusek - DER NEUE MERKER 02/2009


Opernstudie zerfallender Macht: "Boris Godunow"
Yannis Kokkos' düstere Mussorgski-Inszenierung an der Wiener Staatsoper
Es gehört zu den Paradoxien der Oper an sich, gerade von ihr, dieser artifiziellen Kunstform, Glaubwürdigkeit und Echtheit einzufordern. Nichts anderes als ebendiese Glaubwürdigkeit muss auch Ferruccio Furlanetto (als Boris Godunow) vorgeschwebt sein, bei seiner Studie schuldbeladener, zerbröckelnder Macht.
In Yannis Kokkos' düsterer Mussorgski-Inszenierung ist er das intensive Zentrum der Tragik. Und ob nun öffentliche Machtpose, private Gebrochenheit oder ein finaler Zusammenbruch - Furlanetto versprüht premierenwürdige Dringlichkeit, lässt Spiel und Gesang effektvoll verschmelzen.
Um den zerbrechenden Zaren herum herrscht zwar viel glanzlose Routine und Überforderung, aber auch kostbare individuelle Momente. Insbesondere wäre da Elisabeth Kulman (als kapriziös-kühle Marina) zu nennen, aber auch Ain Anger (als Warlaam), Laura Tatulescu (als Xenia) und Jorma Silvasti (als Schuiski). In Summe also kein durchgehend fulminanter, aber ein guter Abend mit sehr respektablen Einzelszenen.
Dirigent Sebastian Weigle, der Bayreuth-erprobte neue Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, war dem Ganzen ein rücksichtsvoller Begleiter. Zügig trieb er die Sache voran, mitunter sehr auf den Schönklang des Opernorchesters bedacht. Fallweise die dem Sujet angemessene Schärfe und Grobheit der Dissonanzen noch mehr zu betonen hätte das Ganze, ja, noch glaubwürdiger gemacht.

Ljubiša Tošic - DER STANDARD - 9. Januar 2009


Zum letzten Mal in der Direktion Holender an der Wiener Staatsoper: Mussorgskis Oper „Boris Godunow“ in der Regie von Yannis Kokkos, die vor allem durch Statik, Stiegen und Schwärze auffällt. Der Auftakt der Spielserie am Mittwoch war daher mehr hörens- als sehenswert. Vor allem dank zweier Sänger in einem großteils homogenen Ensemble: Ferruccio Furlanetto bewies sich in der Titelpartie einmal mehr als Charakterdarsteller und vokal facettenreicher Gestalter. Präsent, präzise und wendig: Elisabeth Kulman als Marina Mnischek. Sebastian Weigle am Pult des ordentlich spielenden Orchesters sorgte für eine unspektakulär souveräne Umsetzung.

Judith Schmitzberger - KURIER - 9. Januar 2009


Ausstattung allein macht noch keine Oper. Die aktuelle Inszenierung des "Boris Godunow" an der Wiener Staatsoper erschöpft sich nämlich in bloßer Ausstaffierung. Da stehen etwa die Chormassen mehr oder minder eindrucksvoll herum, bleiben auch die Solisten mehrheitlich sich selbst überlassen.
Yannis Kokkos heißt der Mann, dem das Kunststück gelungen ist, diesen packenden Opernstoff dermaßen leblos umzusetzen: Schon die 12. Aufführung wirkt, als hätte die Produktion zehnmal so viele ungeprobte Durchläufe auf dem Buckel. Nun, das müsste noch nicht den Todesstoß für einen Opernabend bedeuten, sofern in den Schlüsselpartien entsprechend persönlichkeitsstarke Interpreten zur Verfügung stehen, die den Figuren ihr eigenes Leben einhauchen. Doch das gelang leider nur bedingt.
Fragwürdig nimmt sich auch die spezielle hier gezeigte Fassung aus, deren Kombination aus allen Entwicklungsstufen der Oper seltsam unkonzise wirkt. Und dass in der aktuellen Serie gerade das Revolutionsbild zum Schluss gestrichen ist, lässt einen fahlen Nachgeschmack zurück. Denn Grund gibt es hierfür keinen mehr – im Gegensatz zur Zeit um 1900, als man fürchtete, damit das ohnehin starke politische Brodeln im damaligen Russland noch anzuheizen.
Ruppig dirigiert
Zudem ist das Volk als offener Gegenspieler des Boris damit auch gleich aus dem Verkehr gezogen, bleibt des Volkes weiteres, tristes Schicksal nach dem Tod des Boris unklar. Doch in Anbetracht der ohnehin schwachen Inszenierung ist das Fehlen des Schlussbildes vielleicht sogar ein Gewinn.
Schade nur um die damit auch fehlende Musik: Sebastian Weigle dirigierte mit der nötigen Ruppigkeit, gepaart mit starkem Vorwärtsdrang, von dem sich Orchester und der beeindruckende Chor (abgesehen von kleinen Wacklern) auch mitreißen ließen.
Wunderbarer Zar
Dass durch die Beschneidung der Choraufgaben der Titelheld noch stärker im Mittelpunkt stand, versteht sich: Ferruccio Furlanetto, inzwischen einer der großen Bässe der Gegenwart, mimte den getriebenen, gedankenschweren Zaren mit satter, wohltönender Stimme und getragener, in der finalen Umnachtung dann wunderbar gehetzter Geste.
Daneben agierten der um gesangliche Differenzierung bemühte Kurt Rydl (Pimen), Marian Talaba (ein etwas blässlicher Grigori), Clemens Unterreiner als stimmgewaltiger Schtschelkalow und vor allem die hervorragende Elisabeth Kulman (Marina).
Warlaam (Ain Anger) hätte mehr Temperament und deutlich schärfere Charakterisierung gebraucht. Grandios wie eh und je: Heinz Zednik in der kurzen Szene als Gottesnarr. Schade, dass ihm aufgrund des fehlenden Schlussbildes der zweite, für die Dramaturgie dieser Oper so wichtige Auftritt verwehrt wurde.

Markus Hennerfeind - WIENER ZEITUNG - 9. Januar 2009


Elisabeth Kulman gefällt als laszive Marina.

Karlheinz Roschitz - KRONENZEITUNG - 9. Januar 2009


Sorgloser Umgang mit den Russen
Und das in Zeiten allseits geübter „Originaltreue“! Schon zur Premiere der harmlos-faden Yannis-Kokkos-Inszenierung des „Boris Godunow“ hatte man in den verschiedenen Versionen brutal herumgefuhrwerkt. Seither wird von Aufführungsserie zu Aufführungsserie experimentiert, werden Bilder weggelassen und wieder restituiert. Doch kümmert sich niemand darum, ob auf diese Weise irgendetwas von der Dramaturgie des Stückes spürbar wird.
Von Mussorgsky ist das nicht!
Gewiss, Modest Mussorgsky hat verschiedene Fassungen hinterlassen. Doch das, was die Staatsoper zeigt, entspricht keiner dieser authentischen Partituren. Jüngst nahm man „Boris“ wieder auf, strich die Revolutionsszene, nahm dafür aber die Begegnung zwischen dem Zaren und dem Blödsinnigen vor der Basilius-Kathedrale wieder herein. Warum der fabelhafte Heinz Zednik den Schluss, das traurige Lied auf das russische Volk, nicht singen darf, sondern das Bild jäh endet, bleibt ein düsteres Geheimnis. Der Komponist hat die entsprechenden Takte aus dem Basilius-Bild nur entfernt, um sie im Revolutionsbild wieder einzufügen. Wer Letzteres streicht, müsste diese Kürzung wieder rückgängig machen.
Aber derartige Überlegungen stellt man im Haus am Ring offenbar ebenso wenig an, wie man sich um die Studien- und Abendspielleitung schert, die dem insgesamt keineswegs üblen Sängerensemble so gar keinen Feinschliff, so gar keine Ahnung zu vermitteln scheinen, wie man sich in schwierigen Rollen akustisch wie darstellerisch sicher bewegen könnte. Was könnte Elisabeth Kulman für eine prachtvolle, bildschöne Marina sein, stolzierte sie ein wenig mit Regiehilfe über die Bühne. Auch Marian Talaba könnte seinem sicheren Tenor einen differenzierten Dimitri abringen, Egils Silins wohl einen rhythmisch präziseren Rangoni, Ain Anger einen prägnanteren Warlaam.
Ob Jorma Silvasti aus blässlichem Nebenrollencharge zu einem veritablen Gegenspieler für den umwerfend präsenten Boris von Ferruccio Furlanetto werden könnte, bleibt freilich fraglich. Da herrschen Pathos und prachtvoller Schöngesang. Stilistisch passt ohnehin nur das eloquent und scharfkantig geschliffene Orchesterspiel unter Sebastian Weigle. Über dem Rest schwebe ein großes kyrillisches Fragezeichen.

Wilhelm Sinkovicz - DIE PRESSE - 9. Januar 2009

 

ARCHIV.kulman.info 2009

Elisabeth Kulman - www.kulman.info