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Lied

Alma Mahler: Orchesterlieder

Orte

Wiener Musikverein - Großer Saal

 

Termine

Donnerstag, 28. Oktober 2010 - 19.30 Uhr

 

Ausführende

Elisabeth Kulman, Mezzosopran
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich

Diirgent: Andrés Orozco-Estrada

 

Programm

Olga Neuwirth: "Clinamen / Nodus"

Alma Maria Mahler: Orchesterlieder, bearbeitet von Colin und David Matthews

  • Licht in der Nacht
  • Laue Sommernacht
  • In meines Vaters Garten
  • Bei dir ist es traut

Sofia Gubaidulina: "Märchenpoem" für Orchester

Lili Boulanger: "D’un matin de printemps"

Kaija Saariaho: "Orion"

 

Alma Mahler (1879-1964)

Alma Mahler (1879-1964)

Text

Das Abenteuer «Neue Musik» – Herausforderung oder angenehmer Kitzel? Möglicherweise beides zugleich, ist die so genannte Neue Musik doch nichts anderes als die künstlerische Vision zeitgenössischer Menschen, wie sie die Welt um uns sehen und vor allem hören. Die Tonkünstler und Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada spielen eine Reihe von Schlüsselwerken der jüngeren Musikgeschichte und decken dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Musikschaffenden auf. Denkrichtungen, ästhetische Hörweisen und Klänge, die unserer Welt entspringen, stehen im Mittelpunkt. Am Ende stehen Antworten oder womöglich weitere Fragen ...

 

Links

Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: www.tonkuenstler.at

 

Pressestimmen

Gibt es eine spezifisch weibliche Kunst? Die Frage wird in allen Bereichen gestellt, Literatur, bildende Kunst, Musik… und die Antworten variieren je nachdem, wen man fragt. Im Bereich der Musik ist der Anteil der komponierenden Frauen noch immer prozentuell nicht bedeutend, weil die Ausbildung zur produzierenden, nicht reproduzierenden Künstlerin stets im Hintergrund stand. Dass eine Alma Schindler Kompositionsstunden bei Alexander von Zemlinsky nehmen durfte, war ein Ausnahmefall. Dass ihre Begabung von einem Mann wie Gustav Mahler erstickt wurde, ist eine Tatsache…
Seit der junge, schmale, drahtige und offenbar in jeder Hinsicht energiegeladene Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada an der Spitze des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich steht, tut sich da einiges. Interessante Programme beispielsweise. Der Titel „Aufhören? Zuhören!“ leuchtet zwar nicht total ein (was soll aufhören?), aber was geboten wurde, umso mehr: moderne Musik von Frauen. Ausschließlich, einen Abend lang. Mit zwei Österreicherinnen an der Spitze. Und mit einer interpretierenden Österreicherin als Glanzstück im Mittelpunkt.
Beginnen wir mit ihr, mit Elisabeth Kulman, die vier Lieder von Alma Mahler-Werfel sang, die noch aus der Zeit stammen, als diese, wie erwähnt, Alma Schindler hieß. Zwei der drei Autoren, deren Lyrik sie verwendete, sind im Bewusstsein der lesenden Gegenwart von Winde verweht, zu ihrer Zeit waren sie berühmt: Otto Julius Bierbaum und Otto Erich Hartleben. Rainer Maria Rilke hat sich bis in die Gegenwart gehalten. Alle Gedichte erinnern in ihrer manchmal affektiert wirkenden impressionistischen Verhuschtheit an sich windende, fließende Ornamentik des Jugendstils…
Nichtsdestoweniger, die Vertonungen zeigen, dass Alma Schindler nicht nur von Zemlinsky das Handwerk gelernt hatte (auch das hört man), sondern dass sie Talent besaß. Es gibt, zwischen Wagner-Anklängen und Impressionismus, sogar spürbare stilistische Unterschiede. Dass sie auf Stimmen eingehen und deren Können abfragen konnte, durfte Elisabeth Kulman beweisen, die bei „Licht in der Nacht“ herrliche, tiefe Nornentöne anschlug, bald aber auch ihre schöne, glänzende Höhe hören lassen konnte. Alle Lieder, die stilistisch noch im 19. Jahrhundert verhaftet sind und doch gelegentlich an die Türe der musikalischen Zukunft zu klopfen scheinen, bieten verschiedene interpretatorische Möglichkeiten, von der mystischen Schwere bis zur völligen Leichtigkeit der Stimmführung bei „In meines Vaters Garten“. Und Elisabeth Kulman ist wirklich auf ihrem Höhepunkt, mit der Geschmeidigkeit im Registerwechsel, mit einer satten, tiefen Stimme, die in keiner Lage, egal, wie hoch man sie lockt, Probleme zeigt. Wieder einmal hat die Sängerin instinktiv etwas gefunden, das ihr besonders gut in die Kehle (und zu ihren gestalterischen Künsten) passt. Von den rund hundert Liedern Almas sollten sich doch noch ein paar finden lassen, die für Liederabende und CD geeignet sind? (Komponiert wurden die Werke übrigens für Klavier, die Orchestrierung – von Mu'frida Bell? das Programmheft bleibt die Information schuldig – ist sehr wirkungsvoll.)
Mit einer anderen Österreicherin wurde begonnen, mit der 1968 geborenen Olga Neuwirth, die – wenn das nicht ein Widerspruch in sich ist – als eine der renommiertesten Avantgarde-Komponistinnen gilt. Das rund 15 Minuten lange Werk „Cinamen/Nodus“ (übrigens dauerte an diesem Abend, die Lieder und das Schlussstück ausgenommen, alles immer ungefähr eine Viertelstunde) haben mehr mit „Geräusch“ zu tun als mit Musik, wie man sie gemeiniglich versteht. Man meint Sirenen zu hören (als ob Fliegeralarm angesagt würde), Glocken hell und dunkel, viel „Lärm“, wobei ein Streicherapparat und erweitertes Schlagwerk einander gegenüberstehen. Gelegentlich findet sich die Komponistin zu etwas wie musikalischen Phrasen der üblichen Art, aber das Ungewöhnliche (etwa gelegentliches Gackern oder Krächzen der Instrumente) überwiegt. Schließlich sei es nicht der Sinn der Musik, lässt die Komponistin wissen, den Hörer einzulullen…
Das „Märchenpoem“ der 1931 in der ehemaligen UdSSR geborenen Sofia Gubaidulina wurde 1971 für das Radio als Begleitmusik zu einem tschechischen Märchen geschrieben, und so klang es auch, reizvoller, erzählerischer Impressionismus von großer Intensität – genau wie nach der Pause geradezu rauschhaft „D´un matin de printemps“ der 24jährig verstorbenen Lili Boulanger (1893-1918), die sich hier verwechselbar auf der Höhe von Debussy befand. Am Ende schließlich die etwa 25minütige Orchestersuite (oder „Symphonische Dichtung“) „Orion“ der 1952 geborenen, in Paris lebenden Finnin Kaija Saariaho. Über das Experimentelle hinaus, versteht sie wirklich etwas von Effekten – sie scheint zu wissen, dass Musik nicht nur eine intellektuelle Herausforderung sein kann, sondern in ihrem Wesen etwas Sinnliches hat, das diese Komponistin mit ihren ungewöhnlichen Klangwirkungen durchaus befriedigt.
Der Abend, dessen Programmheft Informationen zu den einzelnen Stücken geradezu seltsam verweigerte (das ist man nicht gewöhnt), bot dann doch Einführungen in Gestalt von Dramaturg Alexander Moore, der vor den Stücken einiges über die Komponistinnen und ihre Werke erzählte, manchmal auch (bei Olga Neuwirth) ein wenig „Angst“ machte, so dass die Erleichterung des Publikums („So schlimm war’s gar nicht…“) direkt spürbar wurde. Über 1200 Besucher, wie der Moderator erklärte, waren an diesem Abend anwesend. Und sie schienen allesamt zu Recht sehr angetan von dem Gebotenen. War dieses nun spezifisch weiblich? Schwer zu sagen. Gut war es jedenfalls.

Renate Wagner - DER NEUE MERKER - 29. Oktober 2010


Eine Einladung zum Lauschen mit gutem Grund
Einmal pro Saison möchte das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich so richtig herausfordern: "Aufhören? Zuhören!" heißt die nun im Wiener Musikverein lancierte Reihe mit moderner und zeitgenössischer Musik. Gestartet wurde gleich mit der avanciertesten Komposition des Abends: Olga Neuwirths "Clinamen/Nodus". Es war wohl jenes Stück des Konzerts, das dem Orchester am wenigsten liegt. Mit Varese’schem Aufheulen hebt es an, heftige Akzente des Schlagwerks hallen in den Streichern nach. Nicht in allen Instrumentengruppen geriet der Klang homogen, der Interpretation mangelte es an gläsern schneidender Kraft.
Ganz andere Töne verlangen die Lieder von Alma Mahler. Die Musiker stellten sich schnell um: Schwelgerisch strömten die von David und Colin Matthews orchestrierten Klavierlieder. Facettenreiche Modulationsfähigkeit zeichnete die souveräne Interpretation durch Mezzosopranistin Elisabeth Kulman aus.
Flockiger Glitzerklang
Sofia Gubaidulina ist für ihre äußerlich schroffe Musiksprache bekannt. Für ihr "Märchenpoem" wählte sie einen erzählerischen Tonfall. Andrés Orozco-Estrada sorgte am Pult des Tonkünstler-Orchesters für Spannung und atemlos lauschende Hörer. Kaija Saariahos "Orion" war der wirkungsvolle Schlusspunkt: Das Orchester zauberte farbenreiche Spektralklänge und wie Schneeflocken glitzernde Klangfiguren herbei. Die zurückhaltend-sympathische Moderation Alexander Moores rundete den gelungenen Start von "Aufhören? Zuhören!" ab. Bleibt zu wünschen: Bitte nicht aufhören! Mehr davon!

Rainer Elstner - WIENER ZEITUNG - 29. Otober 2010


Is the music that women write in some fundamental way different from the compositions of men? Feminist musicology is divided on the question. In any case, we hear a great deal more of the latter than we do of the former.
Times are changing. Composers such as Kaija Saariaho and Olga Neuwirth have a better chance than Alma Mahler or Clara Schumann ever did. Last week, Lower Austria’s Tonkünstler Orchestra provided listeners with the opportunity to hear music by women from a period spanning a century, thus tipping the scales a tiny fraction towards balance.
What might Alma Mahler have written had Gustav Mahler not so famously forbidden her to continue her own career when she married him? The four songs sung with sweet directness by Elisabeth Kulman make the question sound all the louder. Orchestrated in 1996 by Colin and David Matthews, these 1900-01 songs give us a glimpse of the composer that Alma Mahler might have become under different circumstances. Three of the four are ingenuous, competent settings in a clean language of tuneful romanticism. But “Licht in der Nacht” is more, with dark and angular shades that make it clear why Gustav Mahler chose the word “rivalry” when he wrote to Alma. Evidently, he had reason to feel threatened.
Equally intriguing was Lili Boulanger’s 1918 “D’un matin de printemps”. That such a consummately perfect piece of impressionism could come from the pen of a 24-year-old is extraordinary in itself. It was death, not male intervention, that stopped Boulanger’s career. What might she otherwise have written?
Andrés Orozco-Estrada, the Tonkünstlers’ young Colombian chief conductor, conjured a delicate transparency and a wealth of colour from his musicians that made the entire evening a sensual pleasure as well as a fascinating journey.
Olga Neuwirth’s Clinamen/Nodus (1999), which opened the programme, was a wild explosion of sound, full of violent percussion juxtaposed with washes of string sound and fragile toy-box interjections. Her relentless mood of catastrophe was offset by Sofia Gubaidulina’s breezy Märchenpoem, a descriptive piece written for a Czech children’s radio play, all deft whimsy and pictorial effects. Orozco-Estrada approached Neuwirth with violent energy, and brought a dark melancholy to Gubaidulina.
Kaija Saariaho’s 2002 Orion added weight and substance to the  evening. From the keening melancholy of the first movement, through the trance-like contemplation of the second to the visceral drive of the third, it is wonderfully evident that Saariaho knows how to make the listener care what happens next.
Orozco-Estrada and the orchestra are on good form, and a packed Musikverein responded appreciatively. 3 star rating

Shirley Apthorp - FINANCIAL TIMES - 2. November 2010

ARCHIV.kulman.info 2010

Elisabeth Kulman - www.kulman.info