Pressestimmen
Konzert-Triumph durch Zufall
Mag man es Pech, glückliche Fügung oder Zufall nennen: Des einen Leid kann des anderen Freud’ werden. So geschehen beim abermals abgesagten Liederabend von Vesselina Kasarova im Konzerthaus. Am Vorabend des scheinbar glücklosen Termins wurde Elisabeth Kulman angefragt und sprang ein.
Wobei: "Einspringerin" konnte man sie insofern nicht nennen, als Kulmans Programm reichlich ausgeklügelt war. Vom schicksalsgetränkten, aber noch etwas verhaltenen "König in Thule" (Liszt) schlang sich die Ausnahmesängerin in die frechen Höhen von Schumanns "Zeisig". Ein fast genialischer Zufall, dass die Textdichterin der gegebenen Lieder des Zwickauers ebenfalls Elisabeth Kulman hieß.
Von den Anfängen der Romantik lustwandelte der Mezzo mit dem breiten Tonspektrum über Chopins lebensbejahende Polnische Lieder op. 74 zu Mahlers Gesängen aus dem "Wunderhorn" und Wagners "Wesendonck-Liedern". In Eduard Kutrowatz hatte Kulman einen zuverlässigen Partner, der, wo nötig, verhalten in den Hintergrund trat, aber auch kraftvolle Parole gab. Kein Zufall: Wer den Abend versäumt hat, kann Kulman und Kutrowatz nächste Woche mit dem Programm beim Liszt Festival Raiding erleben.
Daniel Wagner - WIENER ZEITUNG - 17. Juni 2010
Feines Musizieren mit Herz & Seele
Es war nicht wirklich eine Überraschung, dass Vesselina Kasarova erneut ihren schon einmal verschobenen Konzertauftritt aus angeblich gesundheitlichen Gründen absagen musste. Jedenfalls kann man mit der rettenden Einspringerin zufrieden sein: Man hätte sonst die österreichische Altistin Elisabeth Kulman nicht erlebt.
Seit ihrem Staatsoperndebüt ist Elisabeth Kulman zu einem wahren Publikumsliebling avanciert und begeistert durch Professionalität, Authentizität, ihren Charakter und technische Brillanz. So auch bei ihrem Liederabend mit Entdeckungen von Liszt, Schumann, Chopin, Mahler und Wagner.
Der Zuhörer konnte höchst erfreut beobachten, wie sie von Lied zu Lied immer intensiver in die großen Bögen hineinsinkt oder sich auch vom schützenden Flügel (solide Eduard Kutrowatz) entfernt. Ein Umstand, der verdeutlicht, dass man auf Starallüren einer Kasarova getrost verzichten kann - bald aber wohl nicht mehr auf die Kulman.
Noch einmal zu hören am 23. Juni beim Liszt Festival Raiding!
Florian Krenstetter - KRONENZEITUNG - 22. Juni 2010
Elisabeth Kulman und Elina Garanca
23. und 24. Juni 2010
Das Burgenland ist das östlichste Bundesland Österreichs und litt deshalb lange Zeit an seiner Nähe zum "Eisernen Vorhang". Bis zu dessen Fall war das dortige Kultur- und Konzertangebot äußerst bescheiden. Mittlerweile gab es aber eine enorme Veränderung, wie auch die zwei von mir besuchten Konzerte am 23. und 24. Juni exemplarisch beweisen konnten.
Eine Stunde Autofahrt von Wien entfernt liegt das idyllische Raiding, der Geburtsort von Franz Liszt. Dort wurde im Jahr 2006 in unmittelbarer Nähe zum Geburtshaus des Musikgenies das Liszt-Zentrum mit angeschlossenem Konzertsaal für rund 600 Besucher geschaffen (übrigens hat Raiding selbst nur knapp über 600 Einwohner). Das Atelier Kempe Thill aus den Niederlanden verwirklichte gemeinsam mit dem Akustikpapst Karlheinz Müller aus München dieses Projekt und setzte es nach den Kriterien „sehen – hören – erleben“ sowohl architektonisch als auch funktionell optimal um. Seither findet dort jedes Jahr das Liszfestival in vier Blöcken statt, nämlich im Jänner, März, Juni und Oktober. Mit diesen Spielzeiten unterscheidet es sich von den übrigen eher touristischen Festivals in den Sommermonaten. Die gebürtige Burgenländerin Elisabeth Kulman trat heuer mit ihrem Liederabend "Träume" erstmals in Raiding auf. Am Klavier begleitet wurde sie von Eduard Kutrowatz, der gemeinsam mit seinem Bruder Johannes die künstlerische Leitung in Raiding innehat.
Noch näher hat man es von Wien zum Esterhazy-Schloss in Eisenstadt, der einstigen Wirkungsstätte Joseph Haydns. Als Premiere gab es heuer ein Freiluftkonzert im Schlossgarten, der für knapp 5.000 Besucher adaptiert wurde. Die Organisation lag in den Händen der Veranstalter der St. Margarethener Opernfestspiele, der Abend hieß "Klassikstars im Schlosspark" und man sah und hörte Elina Garanca, Barbara Frittoli, Marcelo Alvarez, Vladimir Chernov und als "Young Guest Artist" Ekaterina Bakanova. Am Pult des Symphonieorchesters der Wiener Volksoper stand Garanca-Ehemann Karel Mark Chichon, der in den kommenden Jahren die künstlerische Leitung dieser "Proms in the Park" haben soll.
Unterschiedlicher hätten die beiden Konzerte also von Haus aus gar nicht sein können. Beginnen wir mit Elisabeth Kulmans Liederabend in Raiding. Ich hatte schon Gelegenheit, das Programm eine Woche vorher im Wiener Konzerthaus zu hören, da Vesselina Kasarova ihren dortigen Liederabend zum zweiten Mal absagen musste und Kulman/Kutrowatz kurzfristig (innerhalb von 22 Stunden) einsprangen. Beide Abende erbrachten den erneuten Beweis, dass Elisabeth Kulman eine ganz außergewöhnliche Künstlerin ist. Schon die Lied-Auswahl überraschte und beeindruckte. Den Beginn machten fünf ausgewählte Lieder von Franz Liszt nach Texten von Johann Wolfgang von Goethe. Die Verschmelzung von Text und Musik gelang Liszt in seinen Liedern nicht ideal, weshalb er sie auch immer wieder überarbeitete. Vergleiche zu Schuberts Vertonungen (etwa "Über allen Gipfeln ist Ruh") fallen auch nicht allzu positiv aus, aber schon das Kennenlernen dieser Stücke war wertvoll - besonders wenn sie mit einer idealen Liszt-Stimme wie der von Elisabeth Kulman und mit der packenden Handschrift von Eduard Kutrowatz vorgetragen werden. Ebenfalls nicht allzu oft sind in den hiesigen Konzertsälen die sieben Lieder von Robert Schumann op. 104 zu hören, die er zur Erinnerung an die russische Dichterin Elisabeth Kulmann (1808 geboren als Jelissaweta Borissowna Kulman und schon mit 17 Jahren verstorben) geschrieben hat. Schumann war von dieser Lyrik sehr angetan und vertonte eine Auswahl ihrer Gedichte. Voll in ihrem Element war dann Kulman (diesmal die österreichische) in den drei polnischen Liedern op. 74 von Frederic Chopin. Die Mezzo-Sopranistin profitierte dabei von ihren exzellenten Sprachkenntnissen und interpretierte diese Stücke in der Originalsprache und mit viel Elan, der auch den volksliedhaften Charakter verstärkte.
Nach der Pause ging es weiter mit Gustav Mahler. Die Sängerin hatte ja unlängst erst gemeinsam mit dem Wiener Amarcord-Ensemble eine CD aufgenommen, auf der hervorragende kammermusikalische Interpretationen der berühmten Mahler-Lieder zu hören sind. Auch für die ausgewählten Lieder aus "Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit und "Des Knaben Wunderhorn" fanden Kulman und Kutrowatz von Anbeginn an den richtigen Tonfall. Im munteren Wechselspiel gestalteten sie etwa das "Lob des hohen Verstands" als Wettstreit von Nachtigall und Kuckuck vor dem Esel. Den Abschluss bildete Richard Wagner, nämlich seine fünf Lieder nach Gedichten von Mathilde Wesendonck: Schwelgerische Romantik, Liebessehnsucht, die unerfüllt bleibt bzw. bleiben muss, in unmittelbarer Nähe zum Musikdrama "Tristan und Isolde" angesiedelt. Zum Weinen schön, besonders das große Finale: "Sanft an deiner Brust verglühen, und dann sinken in die Gruft".
Elisabeth Kulman interpretierte diese Lieder nicht, sie lebte sie gleichsam und gab einem stets das Gefühl, an ihrer eigenen Leidenschaft teilhaben zu können. Berührende Decrescendi und dramatische Forte-Ausbrüche, alles stimmte an diesem Gesang. Die Liedtexte im (übrigens ausgezeichneten) Programm-Almanach sind nur fürs Nachlesen wichtig, im Konzert selbst verstand man jedes Wort, bei Liederabenden nicht immer selbstverständlich. Und dass Eduard Kutrowatz eine große Vorliebe für Romantik und Jazz hat, war auch jederzeit präsent. Wie er die Liedbegleitung bei Liszt zu fast pianistischen Solostücken ausweitete, wie er jede schmachtende Phrase auch körperlich ausgestaltete, machte das Zusehen ebenso erfreulich wie das Zuhören. Wobei natürlich - das sei einmal politisch völlig unkorrekt gesagt - die Sehfreude an der Sängerin eine noch größere war. Besonders bei der letzten Zugabe, einem Stück von Kulmans letzter CD "Mussorgsky Dis-Covered" ließ Kutrowatz seiner Jazzseele freien Lauf, gerne hätte man davon noch mehr gehört. Großer Jubel des (erfreulicherweise) sehr lokalen Publikums, ein Pflichttermin für alle Daheimgebliebenen: Die Übertragung des Konzertes auf Ö1 am 19. Juni! Mit diesem Programm demonstrierte die sympathische Elisabeth Kulman erneut eindrucksvoll ihre außerordentliche Vielseitigkeit, bei den Salzburger Festspielen steht sie heuer vor ihrem nächsten Karrieresprung: Unter Ricardo Muti singt sie nämlich an der Seite von Genia Kühmeier Christoph Willibald Glucks Orfeo e Euridice!
Zurück aber ins Burgenland, wo der wunderschöne Esterhazy-Park zum ersten Mal fürs Konzertpublikum geöffnet wurde. Und man kann sagen mit vollem Erfolg. Vor der prächtigen Schloss-Kulisse boten vier Weltklassesänger eine große Show. Auf künstlerische Details sollte man bei Konzerten mit Lautsprecherverstärkung nicht allzu großen Wert legen, aber sowohl Barbara Frittoli mit ihrem sauber geführten Sopran, als auch Elina Garanca mit ihrem manchesmal unterkühlt erotischem Mezzo zeigten sich stimmlich auf der Höhe. Als kleine Entschädigung für ihre vieldiskutierte Carmen-Absage an der Wiener Staatsoper sang sie die Schluss-Szene dieser Oper. Für meine Begriffe stahlen diesmal die Männer den Primadonnen die Show: Der gebürtige Argentinier Marcelo Alvarez schmetterte in bester Drei-Tenöre-Tradition seine Arien in den abendlichen Schlosspark und der Russe Vladimir Chernov weckte Erinnerungen an seine tollen Auftritte in den 1990-iger Jahren, hier gab er u.a. einen imponierenden Rodrigo aus Don Carlo. Ekaterina Bakanova steht erst am Anfang ihrer Karriere, wird heuer in St. Margarethen die Königin der Nacht singen und zeigte sich als Rosina im Barbier von Sevilla sehr koloraturerprobt.
Der allerletzte Funke zum Publikum sprang aber erst beim abschließenden Medley über, bei dem Alvarez seine Unterhalterqualitäten bewies und auch die Damen ein wenig aus ihrer Reserve locken konnte. Dennoch eine gelungene Premiere, der hoch anzurechnen war, dass wirklich Opernsänger auf dem Gipfel ihres Könnens auftraten und es keine Abcash-Aktion alternder Stars war. Dennoch, um im Jargon der momentan allerorts dominierenden Fußballersprache zu bleiben: Der Außenseiter Raiding hatte keine Scheu vor großen Namen und setzte sich zum Schluss nach hartem Kampf mit 5:4 knapp durch.
Ernst Kopica - DEROPERNFREUND.DE - 27. Juni 2010
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