Pressestimmen
Der Ring des Nibelungen: Die Göttin, die singend zürnt
Halbzeit im letzten Zyklus der laufenden Wiener-Staatsopern-Saison: mit sensationellen Rollendebüts. Da passiert lebendiges Musiktheater auf unglaublichem Niveau.
Die Qualität eines Opernhauses, so verkündete Franz Welser-Möst in seiner Eigenschaft als künftiger Generalmusikdirektor in Wien anlässlich der Antrittspressekonferenz der neuen Intendanz, erkenne man an der Qualität der drei Damen in der „Zauberflöte“, der Nornen und der Rheintöchter im „Ring des Nibelungen“. Insofern darf vom Auftakt des jüngsten „Ring“-Zyklus, der heute, Donnerstag, mit dem „Siegfried“ fortgesetzt wird, berichtet werden, dass sich Wien, weiß Gott, heute schon nicht zu genieren braucht.
Das Nixen-Terzett, das diesmal das „Rheingold“ eröffnete, war tatsächlich von erlesener Stimmschönheit: Simina Ivan, Michaela Selinger und Nadia Krasteva tönen aber nicht nur als Ensemble so weich und wohlig harmonisch wie die philharmonische Begleitung, die Welser-Möst dank wachsender Vertrautheit mit dem Orchester zu modellieren versteht. Auch en détail gerät die erste „Rheingold“-Szene brillant, denn die drei Damen agieren im Verein mit dem adäquat finster timbrierten, im Zorn wahrlich mächtigen Alberich von Tomasz Konieczny pointenreich und wendig: und zwar szenisch wie stimmlich. So regiert höchste Lebendigkeit im mythischen Spiel von Anbeginn.
Wiens exzellentes „Ring“-Ensemble
Im gewohnt exzellenten Ensemble wurden Protagonisten wie Nina Stemme als Sieglinde, die immer leuchtkräftiger und vor allem in der Tiefe noch sonorer als gewohnt klingt, umjubelt, Janina Baechle als profunde Erda, und Ain Anger als prächtig-böser Hunding, Adrian Eröds kunstvoll-theatralischer Loge nicht zu vergessen. Eine Debütantin aber von wahrhaft überregionalem Format: Elisabeth Kulman gab erstmals die Fricka und ist, ganz knapp gesagt, die beste Wiener Darstellerin dieser Partie seit Langem.
Nicht nur im „Rheingold“, sondern auch in der heiklen Eifersuchtsszene der „Walküre“, in der sie im Dialog mit dem zum Teil geradezu belkantesk agierenden Wotan Juha Uusitalos, dem auch höchste Höhen und tiefste Tiefen im Finale („nagende Galle“) klangschön geraten, die Wende der Tragödie herbeisingt.
Singt, nicht keift.
Diese Fricka outriert nicht, sie unterspielt aber auch keineswegs, sondern vermag mit extrem wortdeutlichen, klug modellierten Vokallinien die eminente Bedeutung dieser Auseinandersetzung hörbar zu machen.
Dergleichen musikdramatische Exzellenz „aus dem Ensemble“ generieren zu können, sichert der Staatsoper singulären Rang. Was Wagner betrifft, tritt die neue Direktion also – nicht zuletzt auch dank des jetzt bereits spürbar wirkungsvollen Einsatzes des künftigen Generalmusikdirektors – ein gutes Erbe an. Welser-Mösts Gestaltungsvermögen gewinnt mit den Aufführungen dieses „Rings“ zur anfänglich bereits bewundernswerten Sicherheit nun auch jene Freiheit und Flexibilität, die solch ungeprobte Repertoire-Aufführungen zu Opernfesten machen können.
Was in der „Walküre“ an Intensität und Klangschönheit geboten wurde, sicherte auch der keineswegs alleredelst timbrierten neuen Brünnhilde – Susan Bullock sprang für Eva Johansson ein – jenen energetischen musikalischen Vorwärtsdrall, der viele klangliche Halbheiten kaschierend in einem insgesamt hinreißenden instrumentalen Energiestrom aufgehen lässt. Die Spannung in beiden Aufführungen ließ keinen Moment lang nach. Ein paar Konzentrationstrübungen (Fagotte im „Rheingold“, Bratschen im „Walküren“-Finale) machten die Sache eher spannender, als dass sie die Stimmung trübten. Da passiert lebendiges Musiktheater auf unglaublichem Niveau.
Wilhelm Sinkovicz - DIE PRESSE - 24. März 2010
Ein letztes Mal dreht der neue Wiener „Ring“ in dieser Saison - und damit zum Abschluss der Direktion Holender - eine zyklische Runde. Nach den szenischen Unstimmigkeiten der „Walküre“ bei der Premiere 2007, v.a. im 2. Aufzug, hatten Regisseur Sven-Eric Bechtolf und Bühnenbildner Rolf Glittenberg erfreulicherweise einige Änderungen vorgenommen. Zwar ist der passable, wenn auch viel zu statische 1. Aufzug mit den leeren Tischen um die Weltesche herum und dem verstaubten Raubvogelfriedhof darüber geblieben. Er erinnert an die Vogelbauer in der Spinnstube des Wiener „Holländer“ von Christine Mielitz. Im 2. Aufzug sind aber - Gott sei Dank - die grässlichen Kinderbettgestelle ebenso verschwunden wie die albernen Püppchen und das Holzschwert, mit denen Wotan noch in der Premierenserie wenig zielführend für heldischen Nachwuchs zu sorgen versuchte. Lediglich Sieglinde zeigt Siegmund nun bei ihrer Wiedererkennung als Erinnerung an seine Kindheit - ihre gemeinsame Kindheit - rührend noch ein Pferdchen, ein Püppchen und eines der besagten Holzschwerter. Die nun auf dem Boden liegenden länglichen weißen Felsquader aus dem „Rheingold“ verströmen zwar einen leichten Hauch von steinernem Mythos, passen optisch aber ebenso wenig zu den dunklen Baumstämmen dahinter wie früher die Bettgestelle. Die Requisiten des 2. Aufzugs wirken nun wie aus verschiedenen Produktionen zusammengestellt.
Es handelt sich im Prinzip um ein Einheitsbühnenbild, denn alle drei Akte werden von einer grauen klassizistischen Holzvertäfelung umrahmt, die fast identisch mit jener aus der Kurt Horres Produktion in Düsseldorf und Köln um die 1990er Jahre ist. Ein weiteres déjà-vu in dieser „Walküre“ stellt sich ein, wenn Wotan im 3. Aufzug wie einst sein Vorgänger in der Bayreuther „Ring“-Produktion von J. Flimm die Türen in diesen Wänden schließt, um eine Flucht Brünnhildes zu verhindern. Die Wiener Inszenierung setzt wirklich keine neuen Akzente. Sie ist eine veritable Repertoire-Produktion und strahlt durch ihre Optik und Statik über lange Perioden Langeweile aus, wirkt des öfteren hausbacken. Es ist auch unerklärlich, warum das Regieteam nicht ein einziges Mal von der gewaltigen Bühnentechnik der Wiener Oper Gebrauch gemacht hat, wie es beispielsweise Christine Mielitz („Fliegender Holländer“ und „Parsifal“) sowie Robert Carsen („Die Frau ohne Schatten“) verstanden. Müssen diese acht völlig identischen Pferde wirklich alle bis zum Ende stehen bleiben, wo doch ihre Reiterinnen längst über alle Berge sind, im wahrsten Sinne des Wortes?! Immerhin hat die „Walküre“ weit über vier Stunden Spielzeit, da tut ein wenig Abwechslung auch fürs Auge recht gut. Bedauerlich ist auch, wie der Fall Siegmunds im Hintergrund kaum sichtbar zwischen den Baumstämmen vertan wird. Dazu hat sich jedes Opernhaus in der sog. Provinz, die in letzter Zeit ohnehin mit immer interessanteren und die gegenwärtige „Ring“-Rezeption bereichernden Produktionen aufwartet, weit mehr einfallen lassen. Wie viele Möglichkeiten gibt es doch, diesen tragischen Moment berührend und erschütternd zu gestalten! Was man hier zu sehen bekommt, lässt weitgehend kalt.
Aus der Zeit nach der „Rheingold“-Premiere geblieben sind die beiden goldenen Kinderschädel, die Loge aus Nibelheim hat mitgehen lassen und die er Wotan verheißungsvoll am Ende des Vorabends als heldische Zukunftsoption vorhielt. Eigentlich hätte der Gott sich die Hergabe des Ringes also sparen können, wenn er gewusst hätte, dass Loge noch über dieses Gold verfügte - es hätte gut die Klinze gefüllt. Ein interessanter Einfall des Regisseurs, der die völlige Ambivalenz Loges unterstreicht. Auch der Moment im 1. Aufzug, als Wotan den toten Wolf aufdeckt, verfehlt seine Wirkung nicht, auch wenn der Sänger ausgerechnet in dem Moment das große Tier über seinem Bauch halten muss, wenn er mit dem Ausbruch „Ich berührte Alberichs Ring, gierig hielt ich das Gold!“ die meiste Energie und Luft braucht. Ganz ansprechend sind auch die Projektionen des wandernden Wolfes auf Hundings Hütte, die die Aufmerksamkeit Sieglindes erringen. Besonders gut gelungen ist auch die folgende zärtliche Annäherung der beiden Geschwister.
Die Wirkung dieser Produktion steht und fällt mit der Qualität der Sängerdarsteller, die sich in ihr gut und unkompliziert einfinden können und für die Burgschauspieler Bechtolf eine stringente Personenregie konzipiert hat. Das Metier beherrscht er offenbar gut, aber dazu gehören auch die entsprechenden Persönlichkeiten, die an diesem Abend glücklicherweise zahlreich auf der Bühne standen. Allen voran Nina Stemme als Sieglinde, Elisabeth Kulman als Fricka und Ain Anger als Hunding, sowie fast ebenbürtig Christopher Ventris als Siegmund. Aber es wurde eigentlich der Abend der Elisabeth Kulman. Sie gab mit der Fricka ihr Rollendebut an der Wiener Staatsoper und gestaltete es sowohl stimmlich wie darstellerisch exzellent. Ihr kultivierter, relativ heller Mezzo ist wunderschön timbriert, ausdrucksstark und absolut höhensicher. Dazu kommt eine hervorragende Technik bei guter Phrasierung und Diktion. Nicht unwesentlich ist auch, dass sie eine attraktive Bühnenerscheinung ist, und das nicht nur in der Rolle als Wotans Ehefrau und Göttin der Ehe. Nina Stemme war einmal mehr die Weltklasse-Sieglinde, die man von ihr mittlerweile gewohnt ist. Da bleiben keine Wünsche offen, in jeder Hinsicht. Ein charaktervoller Sopran, weich und technisch bestens geführt, dabei jederzeit mit Kraft zur Attacke, ein Erlebnis! Ain Anger wird als Hunding immer besser, die Stimme scheint an Klangfülle noch gewonnen zu haben. Mittlerweile ist er eine Luxusbesetzung für diese etwas undankbare Rolle, auch optisch. Christopher Ventris, der Bayreuther Parsifal, sang den Siegmund mit klangvoller und kultivierter Stimme, die aber nicht die Dimensionen eines wirklichen Heldentenors erreicht. Man kann den Siegmund, der zwar eher ein Revolutionär und Kämpfertyp ist, durchaus auch lyrisch ansprechend gestalten, was Ventris an diesem Abend mit viel tenoralem Glanz in der Höhe gelang. Dann lässt sich auch vergessen, dass man die Wälserufe schon dramatischer und länger gehört hat. Eine etwas verhaltene Darstellung ist ja offenbar von der Regie angestrebt, passt aber zum Typ Ventris.
Juha Uusitalo sang wieder den Wotan. Manchmal könnte man meinen, er habe nach der schweren Gehirnoperation vielleicht zu früh wieder mit dem Singen dieses schweren Fachs, und in dieser Frequenz, begonnen. Irgendwie fehlt es der Stimme an Ausdruckskraft und Phrasierung, manchmal auch an Kraft schlechthin. Er wurde vom Orchester einige Male zugedeckt, und das auch bei einer Stelle wie „O heilige Schmach! O schmählicher Harm! Götternot! ...“, wo er doch dramatische Akzente setzen muss. Insgesamt singt Uusitalo meist in derselben Tonlage, mit zu wenig Nuancierungen, um die vielschichtigen Facetten dieser zentralen Figur über die Rampe zu bringen. Das wurde gerade auch bei seinem Monolog im 2. Aufzug evident. Sein Vortrag kann im Vergleich mit anderen derzeitigen Vertretern dieser Rolle bisweilen etwas langweilig werden. Als Brünnhilde war ursprünglich Eva Johansson angesetzt, die sich seit der Premiere hier mit der „Walküre“- und „Götterdämmerung“-Brünnhilde ständig übernommen hatte. Susan Bullock gab mit der Rolle an diesem Abend ihr Debut an der Wiener Staatsoper, nachdem sie bereits alle drei Brünnhilden im Lissabonner „Ring“ gesungen hatte (wir berichteten). Nach einem etwas spitzen „Hojotoho“ wurde schnell klar, dass ihr Sopran zu uneinheitlich geführt wird, insbesondere in der Mittellage, wo es immer wieder zu kehligen Tönen kam und auch die Gesangslinie sowie der Stimmklang etwas verloren gingen, wie auch die Diktion zu wünschen übrig ließ. Die Höhen gelangen meist gut, wenn auch etwas aufgesetzt. Bullock war kein echte Alternative zu Johansson, das Problem der Besetzung der „Walküre“- und „Götterdämmerung“-Brünnhilde in Wien scheint also weiter zu bestehen. Dabei gibt es doch durchaus noch andere Alternativen, die vielleicht (noch) nicht so bekannt sind, aber sehr gut singen können… Das Walküren-Oktett war wie so oft in den Einzelstimmen uneinheitlich, aber in der Gruppe gut (Elisabeta Marin, Caroline Wenborne, Alexandra Reinprecht, Aura Twarowska, Sophie Marilley, Zsuzsanna Szabó, Nadia Krasteva und Roxana Constantinescu). Das exzessive und allzu planlos wirkende Herumgerenne zwischen den Pferden ist der Konzentration auf den Gesang sicher nicht förderlich…
Franz Welser-Möst legte mit dem Vorspiel zum 1. Aufzug sehr zügige Tempi vor, die er im Prinzip den ganzen Abend über beibehielt, wenn auch hier und da einige Momente des Innehaltens und einer gewissen Kontemplation aus dem Graben zu hören waren. Das Orchester der Wiener Staatsoper war in sehr guter Form und voll motiviert. In den ersten beiden Aufzügen war die Basstuba, die links hinter den Flöten saß, oft zu laut. Das stellte man im 3. Aufzug ab, indem man sie hinter die Reihe der Posaunen rechts außen platzierte und damit einen besseren Mischklang im schweren Blech erzielte. Im 2. Aufzug deckte der Dirigent die Sänger einige Male zu. Aber es lag, wie oben gesagt, auch etwas an dem einen oder anderen Sänger, dass er da nicht so gut zu hören war. Insgesamt war es musikalisch eine gute „Walküre“. Den meisten Applaus bekam Elisabeth Kulman und Nina Stemme sowie Franz Welser-Möst mit dem Orchester, beutend weniger Susan Bullock.
Klaus Billand - Der neue Merker - 22. März 2010
The question. Is Nina Stemme the best thing since sliced bread? Or is that giving sliced bread way too much kudos? Not content with just Stemme (I'm greedy), Susan Bullock joined her on-stage, replacing Eva Johannson (an upgrade to my mind), for some of the finest Wagnerian singing I've ever heard. I still don't much care for the production although at least the silly comedy from the prologue doesn't feature here.
I'll now wax rhapsodic about Stemme for the next few lines (skip ahead if you've heard it all before). Stemme tackles Sieglinde like she was born singing the part. She envelopes the theatre in radiant sound, overwhelmingly beautiful noises that really require biblical metaphors (that I can't currently think of) to describe them. Shutting my eyes I was simply in heaven, opening them again and her piercing eyes produced much the same effect. The characters of the Ring can often seem one-dimensional, Stemme found the humanity in Sieglinde and exposed it for all its worth. Bullock couldn't quite compete in the vocal stakes but produced a very fine performance never the less. Her opening passages contained some uncomfortable leaps to the top notes but she soon settled in and handled Act III with world-class control. She is due to sing the role in London in 2012 and I look forward to it. Rounding out the women Elisabeth Kulman simply blew me away. Two days ago she wasn't on my radar, now I'd rate her in the top grade. She gave Fricka, often a bit of a know-it-all, the warmth and majesty becoming of a goddess.
After seeming totally in control yesterday I was slightly disappointed that Juha Uusitalo had serious stamina issues towards Act III's conclusion. Some roughness suits Wotan's decline but there were worrying moments when I thought his, otherwise mighty, voice might fail. Christopher Ventris doesn't cut a particularly heroic figure but projected his Siegmund excellently. A fine ringing top although his famous cries of Act I could have been given a little more length. Ain Anger's dark bass is ideally suited to Hunding, his large physical size only adding to his blunt, aggressive portrayal. A solid bunch of Valkyries brought the most famous melody of the opera to vibrant life.
The staging was a significant step up on Rheingold although still offered few real insights. I struggled to understand the opening image of Sieglinde trying to rip Notung from the tree but from then on extraneous directorial impositions were mercifully few. Act I could have done with a touch more lighting (I couldn't see the singers faces for vast stretches) but Hunding's oppressive relationship with Sieglinde was effectively done and the large, central table provided some effective tableaux. Things got even better in Act II with a murky forest dominating the stage, the closing battle rather cleverly done. Not so sure about the horses of Act III, projecting fire onto them more disconcerting than illuminating. I hate projected fire (what happened to good old-fashioned pyrotechnics?) but this at least was done with a good deal of panache.
A triumphant evening of Wagnerian music making. Franz Welser-Most seemed to have settled into his tempi, creating a vivid storm and then never letting the pace flag (without the unnecessary rush of the first night). Stemme is a dream Sieglinde and surrounded by the likes of Bullock, Ventris and Kulman (who every bit deserves her name amongst these more famous singers) I couldn't really have asked for more.
Rob Walport - TTTCRITIC.BLOGSPOT.COM - 21. März 2010
Kulman was really a discovery. It was clear even in Rheingold that she'll be a great Fricka, but in Walkure she was just amazing.
Bogda - TTTCRITIC.BLOGSPOT.COM - 23. März 2010
Am Sprung: Klassische Sänger aus Österreich
Alle reden von österreichischen Oscars. Dabei bemerken die wenigsten, dass derzeit eine ganze Generation klassischer Sänger von internationalem Format aus Österreich kommt.
Zu den bemerkenswertesten Details des diesjährigen Salzburger Festspielprogramms zählt die Besetzungsliste der „Orpheus“-Premiere. Riccardo Muti hat für seine Einstudierung der Gluck-Oper zwei junge Protagonistinnen gewählt, die den Musikfreunden hierzulande bestens vertraut sind, weil man sie sozusagen von Kindesbeinen an kennen und schätzen gelernt hat: Den Orpheus wird Elisabeth Kulman singen, die Eurydike Genia Kühmeier.
Das Außergewöhnliche an dieser Besetzung ist die Tatsache, dass damit zwei junge österreichische Künstlerinnen Seite an Seite zu Festspielehren kommen. Genia Kühmeier genießt dabei sozusagen Heimvorteil. Sie stammt aus Salzburg und war bei den Festspielen schon mehrfach vertreten. Als blutjunger Geheimtipp unter den heimischen Sopranistinnen gewann sie 2002 den Mozart-Wettbewerb in ihrer Heimatstadt und stand im Dezember desselben Jahres bereits in Mailand auf der Opernbühne: Riccardo Muti verpflichtete die Sängerin für eine Aufführungsserie von Glucks „Iphigenie in Aulis“. Sie fand im „Ausgedinge“ statt, weil das Mailänder Opernhaus damals renoviert wurde. Doch auch anlässlich der Wiedereröfffnung des Teatro alla Scala stand Kühmeier auf der Bühne – in Antonio Salieris „Europa riconosciuta“. Riccardo Muti blieb in der Folge der wichtigste Mentor der Frau mit der samtweichen Stimme. Er holte sie als Pamina auch in seine Salzburger Festspiel- „Zauberflöte“ und nun eben als Partnerin von Elisabeth Kulman für den diesjährigen Sommer.
Ausgefeilt. Kulman, gebürtige Burgenländerin, ist als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper in den vergangenen Jahren zum Publikumsliebling Nummer eins aufgestiegen. Die Frau mit der auch in Alttiefen so wohltönenden Mezzostimme hat kurioserweise als Sopran begonnen. Sie hat sogar im Fach der Genia Kühmeier Furore gemacht: Die Pamina war in der Volksoper eine ihrer besten Partien. Doch irgendetwas, das fühlte Kulman, war nicht in Ordnung: „Es hat zu viel Mühe gekostet“, befand sie einst über ihre Eroberungen des Sopranregisters. Und zum Leidwesen aller, die in ihr eine der besten österreichischen Sopranistinnen heranwachsen hörten, sattelte sie um: „Ich war immer ein Mezzo“, meint sie heute, und wurde in der tieferen Lage vom österreichischen Supertalent zur international gesuchten Interpretin. Spätestens seit sie in ihrem Staatsopern-Engagement von kleineren Rollen zur Marina in Mussorgskys „Boris Godunow“ wurde, war auch den kritischsten Beobachtern klar: Da wächst eine ungemein kultivierte, auch intellektuell ungewöhnlich anspruchsvolle Sängerin heran, die ihre Rollengestaltungen nicht nur stimmlich akribisch ausfeilt. Jüngst bejubelte das Publikum Kulmans Debüt als Fricka in Wagners „Ring des Nibelungen“ unter Franz Welser-Mösts Leitung.
Da machte in der zentralen Auseinandersetzung der Göttin mit Allvater Wotan eine Sängerin die eminente Fallhöhe der mythologischen Tragödie spürbar: Dieser Konflikt, das hörte man in wachsender Berührtheit von Phrase zu Phrase, gerät zum unentrinnbaren Wendepunkt des Dramas. Dergleichen musikdramatische Spitzenleistungen erwartet man in der Regel von hoch bezahlten Gastsolisten. Dass sie an der Wiener Staatsoper sozusagen zum „Regelfall“ werden können, weil Sängerinnen dieses Kalibers fix ans Haus gebunden sind, gehört zu den Aktivposten der zu Ende gehenden Ära von Direktor Ioan Holender. Dass es österreichische Sänger sind, die so reüssieren können, stimmt besonders froh.
Verblüffende Kür. Im „Ring“ entdeckte man zuletzt auch die überdurchschnitliche Gestalterbegabung des Baritons Adrian Eröd. Seine schön geführte, lyrisch-ausdrucksvolle Stimme gilt unter Wiener Musikfreunden seit Jahren als Besonderheit. Doch mit dem Husarenstück, die Tenorpartie des Loge im „Rheingold“ einzustudieren, gelang Eröd die verblüffende Kür. Seine Stimme, in der Höhe erstaunlich wendig, hat mit der für einen Tenor zwar niedrigen, für einen Bariton aber doch extremen Tessitura, die Wagner seinem Feuergott zudenkt, keine Mühe – und die gelenkige Darstellungsweise, die der stimmlichen Agilität durchaus entspricht, reicht in der Inszenierung Sven-Eric Becholds hie und da sogar ans Kabarettreife. Aber dergleichen ungewöhnliche szenische Herausforderungen ist der Sänger gewohnt: Katharina Wagner hat ihn auch als Beckmesser in ihrer heftig diskutierten Bayreuther „Meistersinger“-Inszenierung schauspielerisch kräftig gefordert. Der junge Wiener ist längst international geworden. Er heißt in seiner Heimatstadt übrigens nach wie vor der „junge Eröd“, stammt er doch aus der Familie des Komponisten Ivan Eröd – und bildet mit seiner Frau, der Sopranistin Monica Theis-Eröd, überdies ein exquisites Sängerpaar.
Familienbetrieb. Familiäre Zusammenhänge sind in der Wiener Sängerszene keine Seltenheit. Sowohl Baritonliebling Heinz Holecek als auch der legendäre Bass Otto Edelmann haben mit ihren Söhnen für eine bemerkenswerte Aufforstung der tieferen Stimmregis-ter gesorgt: Sebastian Holecek, an der Volksoper ein prachtvoller Kaspar im „Freischütz“, wird demnächst in England erstmals den Wotan singen. Die beiden Edelmann-Söhne Paul-Armin und Peter reüssieren international im Baritonfach. Als Sproß einer Sängerfamilie hat auch Florian Boesch auf sich aufmerksam gemacht: Der Sohn des Lieblings-Papagenos einer ganzen Generation ist einer der feinfühligsten Liedgestalter. Boesch, von Nikolaus Harnoncourt auch immer wieder zu Oratorien aufs Musikvereinspodium geholt, ist im Opernfach auch schon zu Salzburger Festspielehren gekommen: Im Vorjahr war er der Guglielmo in „Così fan tutte“.
Wie der exzellente Tiroler Bariton Daniel Schmutzhard, der des Volksopernpublikums liebster Papageno geworden ist, fühlt sich auch der burgenländische Tenor Daniel Johannsen nicht nur auf der Opernbühne, sondern auch im Konzertsaal und in der Kirche wohl. Johanssen hat zuletzt in der von Bertrand de Billy geleiteten Aufführung von Haydns „Jahreszeiten“ brilliert: Klare Diktion, perfekt geführte Stimme und ein offenbar instinktiver Sinn für die Harmonisierung von sprachlichem und vokalem Ausdruck machen ihn so hörenswert wie auf seiner hinreißend sympathisch gestalteten Website die ganz persönlich verfassten biografischen Anmerkungen lesenswert sind.
Welser-Möst schwärmt. Via Internet findet man auch mühelos Informationen über einen weiteren vielversprechenden Tenor, den Brigitte Fassbaender in ihrem Tiroler Landestheater unter die Fittiche genommen hat: Wer dieser Tage Franz Welser-Möst trifft, hört ihn sicher schwärmen von „einer der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört habe“. Sie gehört dem Tiroler Martin Mitterrutzner, der in Innsbruck fix engagiert ist, in Wien aber bereits die Eberhard-Waechter-Medaille erhalten hat. Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis man die eminente Leuchtkraft dieser Stimme überregional zu schätzen beginnt.
Welser-Möst spielt übrigens auch keine geringe Rolle bei der Entdeckung der koloraturgewandten Sopranistin Daniela Fally, die er von einem Festival im Salzkammergut sozusagen direkt auf die Wiener Staatsopernbühne verpflichtete, wo sie seit der laufenden Saison zum Ensenble gehört.
Wie die quirlige Daniela Fally, die ihr theatralisches Temperament bereits in jugendlichem Alter auf niederösterreichischen Kleinbühnen ausprobiert hat, ist auch Michaela Selinger eine geborene Singschauspielerin. Ebenfalls Ensemblemitglied der Staatsoper, hat die Absolventin des Linzer Musikgymnasiums von Direktor Holender bald nach ihrem Engagement 2005 bereits große Aufgaben zugewiesen bekommen – und sang unter Christian Thielemann die Magdalena in den mittlerweile auf DVD veröffentlichten „Meistersingern“. Sie feilt aber auch an kleineren Partien akribisch: Ihre Wellgunde im „Rheingold“ etwa ist eine kleine Charakterstudie.
Aus solchem Holz ist ein exzellentes Ensemble geschnitzt. Doch gibt es auch Karrieren, die ganz anders funktionieren. Etwa jene von Georg Nigl, der als sensibler Lied- und Kantateninterpret ebenso Furore macht wie anlässlich von Opernproduktionen bei Festspielen oder an Stagione-Häusern. Den ehemaligen Solisten der Wiener Sängerknaben, der längst internationale Reputation erlangt hat und in aller Welt gastiert, kann man demnächst in der Titelpartie von Alban Begs „Wozzeck“ bei den Wiener Festwochen bewundern.
Wilhelm Sinkovicz - DIE PRESSE (Schaufenster) - 2. April 2010
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